Parlando

Bertl Mütter


Müttersprache Bertl Mütter ist ein Virtuose der Erzählung auf Posaune und Euphonium. Demnächst stellt er gemeinsam mit dem Schriftsteller Josef Haslinger sein neues Album "Parlando" live in Wien vor. Bertl Mütter ist einer von den Lustigen. "Mit vorliegender CD sind keinerlei wie immer geartete Absichten verbunden", erklärt der Posaunist und Hornist im Begleittext seines neuen Soloalbums "Parlando" feierlich. Und weiter: "Sollte sich später einmal das Gegenteil herausstellen, so distanziere ich mich bereits heute ausdrücklich auch davon." Ob er sich mit den 25 frei improvisierten Stücken der Platte etwa auf die Spuren von John Cage und dessen indeterminierter Aleatorik machen wolle? "Nein, nein", sagt Mütter, "ich bin ja auch ein Schalk", und lacht wirklich. Natürlich musiziere er nicht ohne Absicht: "Ich möcht gern selber staunen können über all die Klänge, die es gibt. Man sagt ja ,Musik spielen' und nicht ,Musik arbeiten'. Das nehm ich wörtlich." Mütter ist ein Virtuose auf seinen Instrumenten, auf der Posaune vor allem, aber auch auf dem Tenorhorn, das er lieber bei seinem alten Namen Euphonium nennt. "Ich bin ein Naturtalent", behauptet er nicht ohne Stolz, aber wohl auch nicht ohne Grund. "Ein Lehrer hat bemerkt, was ich für dicke Lippen hab, und schon war ich im Hornunterricht." Es sei ihm immer leicht gefallen, neue und komplizierte Spieltechniken zu lernen; mittlerweile entwickle er sogar selber welche. Ein paar davon führt er gleich vor, mit dem Mundstück mal an den Lippen, mal tief im Mund, mal mit aufgeblasenen Wangen, mal mit zugekniffenen Augen und manchmal auch mit knallrot leuchtendem Kopf. Die Zirkularatmung, dank derer beim Einatmen der Ton nicht abgesetzt werden muss, und die Multiphonics-Techniken, mit denen mehrere (Ober-)Töne gleichzeitig produziert werden können, gehören heute fast schon zum Repertoire eines jeden avancierten Blechbläsers. Mütter aber hat noch jede Menge anderer Spielweisen drauf, um seinen Hörnern in rasantem Wechsel und mit atemberaubender Agilität die unglaublichsten Blubber-, Schnarch- und Schnaufgeräusche zu entlocken: laute und leise, schrille und sanfte, wohlklingende und schmerzhafte. Die Grenze zwischen seinem Körper und seinem Instrument scheint dabei aufgehoben. Das alles, erklärt Mütter, sei nicht etwa Virtuosität um ihrer selbst willen. "Das ist einfach nur mein Grundvokabular." Aus ihm baut der 39-Jährige seine musikalischen Erzählungen auf. Mütter redet in Musik, er redet mit seinem Instrument - in doppeltem Sinne. Nicht zufällig heißt seine neue Platte, bereits die zwölfte auf dem eigenen Label, "Parlando". Und es ist auch kaum überraschend, dass er neben seiner solistischen Tätigkeit nicht nur mit Musikern wie Christoph Cech, Erika Stucky oder der schrägen Osttiroler Blaskapelle Franui zusammenarbeitete, sondern immer wieder mit Schriftstellern wie Ernst Jandl, HC Artmann, Franzobel oder Josef Haslinger. In letzter Zeit, gesteht er, habe er sogar selbst literarische Ambitionen. Am nötigen Selbstbewusstsein scheint es ihm nicht zu mangeln. Ein Blick auf seine umfangreiche und liebevoll gestaltete Homepage samt täglich geführtem Weblog (www.muetter.at) macht klar: Mütter lebt offenbar in der Überzeugung, dass es da draußen Menschen gibt, die ganz genau wissen wollen, was er so denkt und treibt. Auch auf der Bühne macht der nicht gerade klein gewachsene Mann mit dem großen, gern auch aufwendig bekleideten Kopf mächtig Wirkung. Erste Bühnenerfahrung sammelte er schon während seiner Kindheit im oberösterreichischen Steyr: als Ministrant. Pfarrer zu werden war lange Zeit ein ernsthafter Wunsch: "Wenn du in der Kirche am Schnittpunkt aller Raumachsen stehen und sagen kannst: ,Der Herr sei mit euch' - das ist doch was!" Ein Jahr lang immerhin hat er das Theologiestudium ("katholisch, natürlich") durchgezogen, dann wechselte er in die Jazzabteilung der Grazer Musikhochschule. Musikalisch aber wurde er mit dem Jazz nicht glücklich. "Ein Solo zu spielen kann doch nicht bedeuten: ,Ich zeig dir, wer den Längeren hat.' Und die weit verbreitete, selbstgefällige Haltung - ,Mir ham alle eh Blue Jeans an und san per Du, also samma auf der Höhe der Zeit' -, die ist mir nur noch auf die Nerven gegangen." Der Aufbruch, den sowohl die Alte als auch die Neue Musik damals, Mitte der Achtzigerjahre, in der Grazer Musikszene erlebten, kam Mütter gerade recht: "Da waren endlich wieder einmal ein paar Leute, die sich staunend mit Musik auseinander gesetzt haben." Mütter entdeckte damals die Welt der Klassik für sich, nicht nur die der wenigen Solowerke für Posaune von Wagenseil, Albrechtsberger oder Rimski-Korsakow. Er entdeckte, wie er rückblickend erklärt, seine musikalische Tradition und schuf sich so die Grundlage für die eigene musikalische Sprache: "Ich bin draufgekommen, dass meine musikalischen Erfahrungen auf der mitteleuropäischen Tradition fußen und nicht auf der einer Baumwollplantage im Süden der USA. Das heißt ja nicht, dass ich in meine Stücke nicht auch andere Elemente einbauen kann, die mir lieb sind. Nur bleibt die Position, von der aus das geschieht, immer eindeutig. So wie Maurice Ravel seine Wiener-Walzer-Persiflage ,La Valse' ja nicht mit dem Blick vom Riesenrad, sondern vom Eiffelturm aus geschrieben hat." Vor der Verwertungsgesellschaft AKM legt Bertl Mütter Wert darauf, dass seine CDs und Stücke unter "E-Musik" rubriziert werden, er selbst als Komponist und nicht als Improvisator geführt wird. "Da geht's nicht nur ums Geld - die Komponisten haben nämlich höhere Sätze als die Jazzer -, sondern auch darum, meinen Stellenwert entsprechend zu definieren." In Wirklichkeit aber ist die Frage nach einer passenden Schublade für Bertl Mütter müßig. Wie auch immer er das genau anstellt: Irgendwie schafft er es regelmäßig, aus seinen Erzählungen gute Musik zu machen.

in FALTER 4/2005



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