Digital Ash in a Digital Urn

Bright Eyes


Ein bisschen Frieden Das US-Singer-Songwriter-Wunder Bright Eyes veröffentlicht gleich zwei neue Alben mit herzerweichenden Gesängen gegen die Finsternis. Schon Düstermann Nick Cave wusste in einem seiner besten Songs davon zu berichten, dass der Tod nicht das Ende sei. Conor Oberst alias Bright Eyes ist da offenbar ähnlicher Ansicht. Der 24-jährige Singer-Songwriter aus Omaha, Nebraska, eröffnet Album eins seines gerade erschienenen Doppelschlags "I'm Wide Awake, It's Morning"/"Digital Ash in a Digital Urn" mit einer wundersamen, naiven Kurzgeschichte über den Tod und das darauf folgende Paradies. Man soll sich eine junge Frau vorstellen, die mit dem Flugzeug zu ihrem Verlobten unterwegs ist, erzählt Oberst. Plötzlich gerät die Maschine ins Trudeln und wird nur wenige Minuten später ins Meer stürzen. Da beginnt der Sitznachbar der Frau ihr - und mit ihm Oberst dem gebannten Hörer - zur akustischen Gitarre ein schauderhaft schönes Ständchen darüber zu singen, dass das hier ihre Geburtstagsparty sei und wie schön es nach dem Eintauchen doch auf der anderen Seite sein werde. Gänsehaut. Conor Oberst ist dann am besten, wenn er nach Erlösung von allen irdischen Qualen wimmert, ächzt oder jauchzt. Alles, was er sich wünscht, ist ein bisschen Frieden - ob hüben oder drüben, scheint ihm zumindest in seinen Songs zweitrangig. Im wirklichen Leben wird der junge Mann mit den großen Augen nämlich seit der Pubertät von depressiven Schüben geplagt, seitdem veröffentlicht er Tonträger, auf denen er gegen sein Leid ansingt. Ein älterer Bruder erkannte früh sein Talent und schenkte ihm zum 13. Geburtstag ein eigenes Label namens Saddle Creek. Elf Jahre und sieben Alben sowie unzählige EPs und Kassetten später ist Oberst unter dem Namen Bright Eyes ein Indie-Superstar und auf dem Sprung in den Mainstream. Bereits anlässlich seiner letzten Platte "Lifted or the Story Is in the Soil, Keep Your Ear to the Ground" (2002) wurde er von der im Austeilen von Superlativen aber auch nicht gerade zimperlichen englischen Musikpresse zum besten Songwriter seiner Generation erklärt, momentan wird er gerne der Bob Dylan der Jetztzeit genannt. Gelassener betrachtet ist Conor Oberst ein sehr talentierter Songwriter, dem es mit den Jahren immer besser gelingt, so von seinen inneren Kämpfen zu künden, dass der Hörer auch etwas von sich selbst in den Songs finden kann. Mit der Zeit ist dabei auch das gegen den Strich Gebürstete, Dissonante, das am Frühwerk von Bright Eyes mitunter nerven konnte, verschwunden. Was der Intensität des überwiegend akustisch gehaltenen "I'm Wide Awake, It's Morning" und des mit HipHop-artigen Beats angereicherten "Digital Ash in a Digital Urn" jedoch keinen Abbruch tut. Im Gegenteil: Oberst klingt dann am eindringlichsten, wenn er zu spärlicher Begleitung leise vor sich hinwimmert. Einziger Einwand: Statt zwei Alben zu veröffentlichen, die einige Leerläufe enthalten, hätte er lieber die intensivsten Stücke auf eine Platte packen sollen. Am Ende von "I'm Wide Awake" aber läuft einem noch einmal eine Gänsehaut über den Rücken. Der Meister gibt seinen Musikern den Marschbefehl "Fuck it up and make some noise!", worauf die Kapelle losprescht und Obersts Dämonen mit einem himmlischen Lärm zumindest für kurze Zeit in die Flucht schlägt. Bald werden wieder finstere Schatten auf Conor Obersts Seele liegen, und er wird ein neues Lied dagegen schreiben.

in FALTER 4/2005



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