R&G-Rhythm & Gangsta

Snoop Dogg


Hundchen will Knochen Das Album "R&G" von Snoop Dogg zeigt HipHop in seinem ganzen Spektrum zwischen Glanz und Gosse. Keine Angst, er beißt nicht. In Wirklichkeit, so rappt Calvin Broadus alias Snoop Dogg gegen Ende von "R&G (Rhythm & Gangsta): The Masterpiece", sei er nämlich längst ein ganz braver, weiserer, besserer Mensch, pardon, Hund. Die Joints, die seine televisionär bestens beleuchteten Wege stets umnebeln, dürften heute also ungefähr so echt sein wie der Schnaps in der Flasche von Keith Richards. Aber was bedeuten in diesem Zusammenhang schon Begriffe wie "Wirklichkeit" oder "echt"? Schließlich arbeiten US-Rapper schon seit den Anfängen des HipHop einerseits daran, der tristen Realität der Gettos zu entkommen, wollen aber andererseits ihre Musik auch nach der Übersiedlung ins Penthouse möglichst "real" verstanden und entsprechend nahe am Geschehen der Straße angesiedelt wissen. Dort ist schließlich die von der Botschaft zu überzeugende junge Hörerschaft anzutreffen, die ihrerseits dasselbe schaffen und irgendwann der wiederum nachfolgenden Generation davon berichten will, dass sie trotz Schampus bis zum Abwinken den ganzen Mist da draußen mitnichten vergessen hat. Im Rahmen dieses Kreislaufs treibt das Verhältnis zwischen Fiktion und Realität, behauptetem Gangsta- sowie Zuhältertum und einem wieder entdeckten Sinn für biedere Familienwerte - im Nebenberuf ist Daddy Snoop übrigens Pornoproduzent - immer bizarrere Blüten. Leben und Werk des kalifornischen Rappers, Schauspielers, Selbstdarstellers und eben, äh, Filmproduzenten dürfen als Gipfel einer Entwicklung betrachtet werden, die zur Folge hat, dass in der Tragikomödie HipHop das Drumherum meist mehr Unterhaltungswert besitzt als die Musik selbst. Snoop Dogg seinerseits hat schon eine Menge schlechte Platten gemacht, ist aber nach einer eigenen MTV-Show und Filmrollen ("Starsky & Hutch") zurzeit nichtsdestotrotz populärer denn je. Der 31-Jährige hat im Laufe seiner wechselhaften Karriere gelernt, dass die Qualität der Musik nicht so wichtig ist, wenn deren schlichtes Vorhandensein nur mit einer permanenten Medienpräsenz und dem entsprechenden Wiedererkennungswert ihres Schöpfers einhergeht. Alles muss nur im Überfluss vorhanden sein, dann ist es gut. Dementsprechend ist "R&G" randvoll angefüllt mit Material aus Produzentenschmieden wie etwa derjenigen der omnipräsenten Neptunes, die mit "Drop It Like It's Hot" einen der stärksten Tracks der letzten Monate verantworten; hinzu kommen Kollaborationen mit Bootsy Collins, Justin Timberlake und den Bee Gees (!). Von bester Beatkunst über gekonnte Rückgriffe auf Disco und R'n'B bis hin zu veritablen Rohrkrepierern wird schon musikalisch breit gestreut, den Vogel schießen freilich einmal mehr die reichlich abstrusen bis restlos degoutanten Texte ab, in denen sich Sozialkitsch und religiöse Heilsbekundungen im Minutentakt mit purem Sexismus aus der untersten Schublade abwechseln. Handelt es sich hier, wie der Untertitel dezent nahe legen möchte, also tatsächlich um ein Meisterwerk moderner Tonkunst? Sagen wir so: Wenn es um die penetrante Demonstration der Kunst geht, rappend in alle Richtungen Männchen zu machen und sich damit bis ans Lebensende die Knochen zu verdienen, dann hat HipHop in Snoop Dogg seinen Meister gefunden. Wuff!

in FALTER 4/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×