Let them grow

Maja Osojnik


„Ich bin ein gestopfter Teddybär“

Schönheit in der strengen Kammer: Die Musik-Abenteurerin Maja Osojnik präsentiert ihr erstes Soloalbum

Die schwarz lackierten Fingernägel legen eine falsche Fährte. Maja Osoj­nik ist kein düsteres Wesen. Ganz im Gegenteil, sie zählt zu den herzlichsten Menschen der Wiener Musikwelt. Wer zweimal „Hallo“ zu ihr gesagt hat, wird bei der nächsten Begegnung wahrscheinlich schon abgebusselt, und wenn sie sich nach dem Befinden erkundigt, klingt es kein bisschen floskelhaft.
Die 39-jährige Musikerin, Sängerin und Szene-Netzwerkerin ist die Frau der drei „L“: laut, lustig und liebenswert. Die Frau der drei „E“ ist sie ebenfalls: energiegeladen, experimentierfreudig und extrem. Seit Osoj­nik vor rund 20 Jahren ohne Geld, ohne Wohnung und ohne Deutschkenntnisse aus Slowenien nach Wien gekommen ist, um, nicht eben alltäglich, Blockflöte zu studieren, hat sie 14 Alben veröffentlicht. In unterschiedlichsten Bandkonstellationen und mit verschiedenartigster Musik.

Neu arrangierte Volkslieder ihrer alten Heimat konnten das sein, mit Punkenergie aufgeladener Artrock, zeitgenössische Klassik, Jazz der sehr freien Art oder Elektroakustik für die Denkerstube. Maja Osojnik, beim Neue-Musik-Festival Wien Modern ebenso vertreten wie beim Popfest, ist eine Rebellin der E-Musik – und gleichzeitig eine, die den Pop mit der Avantgarde durchs Dorf treibt. Und nein, „Avantgarde“ meint hier definitiv nicht, auch mal ein Störgeräusch zuzulassen und vielleicht ein bisschen so wie Björk zu klingen.
Die Selbstverständlichkeit, mit der sich Osojnik in unterschiedlichen Welten bewegt, liegt in ihrer Sozialisation begründet. „Für mich hat das total gerockt“, beschreibt sie die Alte Musik, die sie als Kind in Slowenien gespielt hat – und die sie auch später als Teenager noch leidenschaftlich pflegte, als sie sich längst auch in wilden Rockbands die Seele aus dem Leib brüllte und ihren Klassik-Kosmos um modernere Spielarten erweitert hatte.
„Alles lief immer parallel“, erklärt Osojnik ihre Welt. „Ich war auch immer neugierig, neue Sachen auszuprobieren. In den vergangenen Jahren hatte ich kurz ein Problem damit, nicht zu wissen, welcher Musik ich mich wirklich zugehörig fühle und was ich künstlerisch gesehen eigentlich bin. Antwort habe ich zwar immer noch keine, aber ich denke mir jetzt einfach: Ich mache, was ich mache, und wenn die Leute klare Definitionen brauchen, müssen sie sich selbst welche suchen. Ich kann sie ihnen nämlich nicht geben.“

Nun veröffentlicht Osojnik ihr erstes Soloalbum „Let Them Grow“, das in mehrjähriger Arbeit entstanden ist. Sie suche darauf nach dem einfachen Song, der alle Facetten ihres Schaffens in sich eint, beschreibt sie ihren musikalischen Ansatz. Doch man läuft kaum Gefahr, als ahnungsloses Schweinsohr belächelt zu werden, wenn man sagt: Maja Osojnik hat diesen einfachen Song nicht gefunden.
Die 16 Stücke des Albums kennen keinen traditionellen Aufbau der Marke Strophe/Refrain/Strophe, sie haben kaum Melodien oder repetitive Beats, an denen man sich festhalten könnte. Dafür gibt es Drone und Industrial, unkonventionelle Klänge, düstere Stimmungen und Komplexität, Angriffslust, Resignation, eine eindringliche Grabesstimme und Liebeslieder, die wie der Soundtrack zu einem postapokalyptischen Ruinen-Drama klingen.
„Für mich ist vieles auf dem Album ganz simpel“, sagt Osojnik. „Aber gut, das ist wohl wie bei komplexen mathematischen Formeln – mir sind sie rätselhaft, Mathematikern hingegen völlig klar. Je mehr man sich mit etwas beschäftigt, desto einfacher werden die Dinge allerdings.“
In der Tat: Kurz reinhören funktioniert hier nicht, „Let Them Grow“ will Ruhe und Aufmerksamkeit. In alten Schallplattenkategorien gedacht, handelt es sich bei 69 Minuten Spielzeit um ein üppig ausgestattetes Doppelalbum, in der Aufmerksamkeits­ökonomie der digitalen Klickkultur ist es eigentlich ein reiner Wahnsinn. Osojnik lädt hier in eine strenge Kammer, allerdings warten dort nicht nur Beklemmung, Schmerz und Verstörung, sondern auch Sehnsucht, Utopie und Schönheit.
„Wenn man sich Zeit nimmt und etwas ohne Angst begegnet, kann nichts Schlimmes passieren“, sagt die Künstlerin – und meint damit keineswegs nur den Anti-Pop, den sie auf ihre Platte gepackt hat. „Ich lade dazu ein, sich zu befragen, welche Korsette wir in der Gesellschaft haben und uns auch selbst aufzwängen.“
Sie denke beim Musikmachen sehr visuell, erzählt Osojnik. Ungewöhnlich wie ihre Musik sind auch die Bilder, die sie dazu assoziiert. So vergleicht sie den Beginn einzelner Stücke mit dem ungeborenen Kind, das sich auf die Reise nach draußen macht: „Ich stelle mir vor, in einer Plazenta zu sein und mich durchzuwühlen. Alles ist seltsam nass und fleischig, aber plötzlich kommt man in ein ganz neues Land.“ Dieses Neuland ist dann eben, genau, der Song.

Auf ihrem rechten Unterarm trägt die Musikerin eine minimalistische Tätowierung. Fünf senkrechte Striche sind da mit einem Querstrich verbunden. Ein Londoner Künstler hat es ihr vor einigen Jahren gestochen. „Völlig spontan und im Seemänner-Style“, sagt Osojnik. Ganz die alte Schule mit Nadel und Tinte also.
„Meine Platte mag dystopisch klingen, aber das ändert nichts am Kindischen, das in mir steckt“, sagt sie und erklärt so ihren Hautschmuck: „Das Tattoo ist eine Cartoon-Narbe. Ich bin also kein Gefangener, der seine Tage bis zur Freilassung zählt, sondern ich bin ein gestopfter Teddybär.“
Bei aller Schroffheit ihrer Musik sieht sich Maja Osojnik selbst tatsächlich als Plüschtier? „Ja, ich kann sehr kuschelig sein“, sagt sie – und lacht einmal mehr ihr gewinnendes Lachen.

Gerhard Stöger in FALTER



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