Careless Love

Madeleine Peyroux


Die bessere Norah Jones Mit "Careless Love" hat Madeleine Peyroux im vorigen Jahr ihr überzeugendes Comeback geschafft - im Alter von 31 Jahren. Nun gastiert die oft mit Billie Holiday verglichene Sängerin im Wiener Birdland. Mit Billie Holiday verglichen zu werden ist gewiss nicht das schlimmste Schicksal, das einer jungen Sängerin auferlegt werden kann. Es kann mit der Zeit aber wohl auch zu einer Bürde werden. "Wenn sie singt, klingt sie für alle Welt nach Billie Holiday", schrieb das Time Magazine im Oktober 1996 über die 22-jährige Madeleine Peyroux und schwärmte vom "bittersüßen Alt eines gebrochenen Herzens", mit dem Peyroux ihre "berückende Mischung aus Jazz, Folk und Blues" zum Vortrag bringe. Acht Jahre später berichtet der Boston Globe von der Sängerin, die "dieselbe träge Phrasierung und dasselbe sepiagetönte Timbre" auszeichne wie Billie Holiday. Einen Tick skeptischer gibt sich der Kollege von der New York Times, der zwar auch nicht umhinkommt, die "verstohlene Phrasierung und raue Modulation" der größten Jazzsängerin aller Zeiten präzise wiederholt zu finden, aber doch einschränkend hinzufügt: "Holiday mag Miss Peyroux die stilistische Schablone zur Verfügung gestellt haben. Aber statt der rohen Sinnlichkeit und dem hungrigen Verlangen, mit dem Lady Day und ihre Nachfolgerinnen ihre Songs ausgestattet haben, ist Peyroux von einer ätherischen, abstrakten Nachdenklichkeit. Holiday ohne Krallen - man läuft nicht Gefahr, emotional verletzt zu werden." Die Vielverglichene selbst gibt sich reserviert bis gelassen: "Die Medien können alles Mögliche behaupten, aber es spielt keine Rolle. Sobald ich singe, baue ich eine Beziehung zu einem Publikum auf - das zählt." Dazu hat die 1973 in Athens, Georgia, geborene Sängerin nun auch in Wien ausreichend Gelegenheit: An fünf aufeinander folgenden Tagen wird sie in Joe Zawinuls Birdland auftreten. Mittlerweile hat sie die "ursprüngliche Bühnenangst" überwunden - mithilfe von "netten Menschen, die mir die ersten paar Jahre die Hand gehalten haben". Das war Mitte der Achtziger, als Peyroux nach der Scheidung ihrer Eltern mit ihrer Mutter nach Paris ging und dort zunächst auch auf der Straße sang: "Wenn die Leute aufgehört haben, mir zuzuhören und einfach weitergegangen sind, hat mich das fertig gemacht." Öffentliche Auftritte schienen ihr damals eher als ein "notwendiges Übel", das in Kauf zu nehmen war, wollte man mit Musik auch noch Geld verdienen. Nachdem Yves Beauvais, Produzent des renommierten Labels Atlantic, Peyroux unter Vertrag nehmen wollte, nachdem er die 17-Jährige in einem New Yorker Club gehört hatte, dauerte es noch fünf Jahre, bis deren Debüt "Dreamland" dann tatsächlich erschien - und zu einem überwältigenden Erfolg wurde: An die 250.000 Stück verkaufte das Album, Peyroux hatte den Grundstein zu einer Superstarkarriere gelegt und hätte das Zeug gehabt, vielleicht, zu einer früheren (und, nebstbei bemerkt: aufregenderen) Norah Jones zu werden - wäre auf den Blitzstart nicht gleich das vorläufige Karriereende gefolgt: Die Versuche zu einem zweiten Album erwiesen sich als Rohrkrepierer ("wir gingen ins Studio mit einem großen Produzenten, einem großen Budget, wir hatten die Musiker eingeflogen und wir hatten die Arrangements. Wir hatten all diese wundervollen Zutaten - aber wir hatten das Rezept nicht", erklärte sie in einem Interview mit der Times); Live-Auftritte ohne in Aussicht stehende Veröffentlichung wurden ihr vertraglich von ihrem Label untersagt, und Stimmprobleme machten die Sache auch nicht leichter. So kam es, dass Madeleine Peyroux erst recht eine der erstaunlichsten Karrieren im gegenwärtigen Musikbusiness machte: Mit bloß 31 Jahren und ihrem zweiten Album "Careless Love" hatte die mittlerweile zu Rounder Records gewechselte Sängerin im vorigen Jahr bereits ihr erstes Comeback, ohne sich deswegen auch schon neu erfinden zu müssen. Wieder greift Peyroux auf gut abgehangenes und bewährtes Liedgut zurück; wieder schlagen die französischen Wurzeln der Mutter durch: Statt Edith Piafs "La vie en rose" covert sie nun "J'ai deux amours" (ein Lied das durch Joséphine Baker bekannt wurde); Bessie Smith wird diesmal durch den Titelsong (aus der Feder von W. C. Handy) gewürdigt, das zeitgenössische und jazzfernere Repertoire durch Songs von Bob Dylan, Leonard Cohen oder Elliot Smith bedient. Außerdem hat sich Peyroux selbst in Co-Autorenschaft mit Produzenten Larry Klein (bekannt vor allem durch seine Zusammenarbeit und Ehe mit Joni Mitchell) und Jesse Harris (bekannt vor allem durch seine Kompositionen für Norah Jones) mit "Don't Wait Too Long" einen Song geschrieben, der sich bruchlos in die sparsam instrumentierten, archaisch-nostalgisch anmutenden Stücke einfügt. Als "ein bisschen reifer" charakterisiert Peyroux selbst "Careless Love", wenn sie es mit ihrem acht Jahre zuvor eingespielten Debüt vergleicht. Und auch das Publikum ist herangereift: Längst muss sich Peyroux nicht mehr als Vorprogramm der sensiblen Schmusechanteuse Sarah McLachlan vor einer Zuhörerschaft verrenken, die Songs aus den Dreißigerjahren als Aufforderung zur Zwischendurchkonversation missversteht. Nach drei absolut essenziellen Songs befragt, antwortet Madeleine Peyroux schnell mit Ray Charles' Version von "Georgia" und muss dann eine Nachdenkpause einlegen, bevor sie mit "alles von Bessie Smith" fortsetzt. Erst an dritter Stelle kommt dann Billie Holiday: "Ich würde sagen: die Carnegie-Hall-Version von ,I Cover the Waterfront'". Apropos Billie Holiday - was ist nun wirklich dran an all den Vergleichen? "I think it's true."

in FALTER 1-2/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×