Pure Vernunft darf niemals siegen

Tocotronic


"Dann lieber lügen!" "Pure Vernunft darf niemals siegen" heißt das jüngste Album von Tocotronic. Und die Burschen meinen es wirklich ernst! Der "Falter" sprach mit der Hälfte der Band darüber, was falsch läuft mit der Ironie, mit der Wirklichkeit und mit der Wahrheit. "Völker! Auf zum Gefecht! Die Illusion wird Menschenrecht. Ich bin nicht allein in meiner Sucht. Vor den Spießern auf der Flucht." Tocotronic: "Gegen den Strich", 2005 Zu Beginn ihrer Karriere veröffentlichten Tocotronic drei Alben respektive 44 (!) Songs innerhalb eines einzigen Jahres. Inzwischen hat die bemerkenswerteste deutsche Rockband der letzten Dekade diese Relation umgekehrt. Neues Material nehmen Sänger und Gitarrist Dirk von Lowtzow, Bassist Jan Müller und Schlagzeuger Arne Zank nur mehr im Dreijahrestakt auf; nebenbei betätigen sie sich unter anderem als Galeristen, Kunstkritiker und Elektronikmusiker. Nach dem in langwieriger Studioarbeit entstandenen Album "Tocotronic" (2002) haben die mit ihrem Tourkeyboarder und -gitarristen Rick McPhail zum Quartett angewachsenen Hamburger jetzt "Pure Vernunft darf niemals siegen" eingespielt: eine in nur wenigen Tagen aufgenommene Rockplatte, die betont geradlinige Musik mit bisweilen sehr poetischen Texten verknüpft. Falter: Was verbindet ihr heute mit dem Lied "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein", das euch vor zehn Jahren sehr schnell sehr bekannt machte? Dirk von Lowtzow: Im Gegensatz zu anderen frühen Stücken spielen wir das zumindest immer noch live. Es hat etwas Universelles, und es ist natürlich auch ein bisschen ein Ulk, das mit 35 zu spielen. Arne Zank: Das hatte damals schon eine Distanz in der Beschreibung, während viele andere frühe Sachen sehr stark aus der Zeit sprechen, wodurch man sie nur schlecht wieder aufwärmen kann. Wie seht ihr das mit der Jugendbewegung inhaltlich? Lowtzow: Heute wäre es schwer, so ein Statement mit einer derartigen Naivität vorzubringen. Leute wie Diedrich Diederichsen haben damals vom Ende der Jugendkultur gesprochen, da hat es als Gegenentwurf gut gepasst. Zank: Wir waren damals näher an den Achtzigern dran, als es tatsächlich noch verschiedene Spielarten von Jugendbewegungen gab. In den frühen Neunzigern war es gerade vorbei, und inzwischen kriegt man das gar nicht mehr zu fassen. Würde man jetzt davon singen, wäre das völlig spekulativ. Lowtzow: Es würde sofort als Werbeslogan auf Plakate gedruckt werden; so wie heute Hans Weingartners Film "Die fetten Jahre sind vorbei", wo damit fast geworben wird - von wegen: "Das ist es, worum es uns geht - ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein!" Zank: Das ist eine ganz verkrampfte Sehnsucht, es werden die falschen Fragen gestellt, weil es keine Antworten darauf gibt. Wo soll sie denn sein, die Bewegung? Im Gegensatz zu vielen anderen Bands war Tocotronic stets ein Kollektiv gleich wichtiger Musiker. Welche Rolle spielt das neue Mitglied Rick McPhail? Lowtzow: Rick ist seit Jahren auf Tour dabei, dadurch kam seine Mitgliedschaft ganz natürlich. Sonic Youth waren beispielsweise auch immer ein Quartett, und plötzlich ist Jim O'Rourke dabei. Da denkt man sich auch nur: Ja klar, jetzt sind die halt zu fünft. Zank: Die Band als Gefüge von Leuten, die einzeln vielleicht gar nicht so wichtig sind, in der Gruppe aber ihren Ausdruck finden. Eine Versammlung von kuriosen Typen. So haben wir uns definiert, und so etwas mögen wir auch selbst gerne. Lowtzow: Eine Band wie Hüsker Dü finde ich heute noch spitze: Der eine Typ dick und schwul, der andere auch dick und schwul. Und der dritte dick und mit Schnurrbart - und schwul. "Pure Vernunft darf niemals siegen, wir brauchen dringend neue Lügen" heißt es im Titelstück eurer neuen Platte. Warum das? Lowtzow: Das schließt eigentlich als Alternative an ältere Stücke wie "Das Unglück muss zurückgeschlagen werden" an, in denen es um Alltäglichkeit geht und wie sehr einen das hemmt. Eine gut erzählte Lüge ist immer besser als die Wahrheit; Masken und Scharaden können das Leben total bereichern. Eine zusätzliche Dinglichkeit hat das Stück durch den konservativen Backlash bekommen. Der gegenwärtige gesellschaftliche Konsens ist geprägt durch eine Art Flucht in die Realität. Alles muss total abgesichert, handwerklich richtig und kompetent sein. Wahrheit ist auch ein großes Thema; selbst im Trashbereich wie bei "Big Brother" geht es ständig um Authentizität. Gleichzeitig werden alle Ideologien dankbar aufgelöst. Zank: Man kümmert sich jetzt nur mehr um Sachfragen und darum, wie es den tatsächlichen Menschen geht. Aber das kann es ja nicht gewesen sein. Lowtzow: "I wanna be where the streets have no name" haben U2 einmal gesungen. Aber dort kann es doch nur langweiliger sein! Wo der Mensch mit dem Menschen kommuniziert und auf das Einfachste zurückgeworfen wird, das zwischenmenschliche Miteinander, ist es ganz ähnlich; da möchte ich weiß Gott nicht sein. Dann lieber lügen! Ist der Wunsch nach Illusion nicht ein Hippieding, mit dem Punk wieder aufgeräumt hat? Lowtzow: Ja, aber deshalb ist es gerade interessant, daran anzuknüpfen und ein bisschen hippiemäßig zu denken. Natürlich hat Punk mit vielem ganz zu Recht aufgeräumt. Wenn es Dreifachalben über "Herr der Ringe" gab, war es gut, dass Bands wie die Pop Group dem "Escapism is no freedom" entgegengehalten haben. Jetzt sind die Karten aber anders gemischt; man hat echt ein größeres Problem: nicht den Eskapismus, sondern einen irrsinnigen Willen zur Realität und zur Wahrheit. Gilt das auch fürs aktuelle Popgeschehen? Lowtzow: Auf jeden Fall! Aus unserer Unzufriedenheit heraus ist das auch eine so trotzige und wütende Platte geworden. Wir wollten eine Rockplatte ohne den Konservatismus machen, der bei all diesen Neorockbands mitschwingt. Bei deutschsprachiger Musik ist es überhaupt ganz extrem, da regiert der pure Konsens. Beginnt die vorläufig mit Bands wie Virginia Jetzt! und Sportfreunde Stiller endende Erfolgsgeschichte deutschsprachigen Indierocks nicht mit eurer ersten Platte "Digital ist besser"? Lowtzow: Ich glaube nicht, dass das etwas miteinander zu tun hat, weil die Herangehensweise völlig unterschiedlich ist. Wir sind anders sozialisiert, kommen aus linken Zusammenhängen, haben anders gedacht und waren uns auch der Fallen der deutschen Sprache stets sehr bewusst. Gerade Sportfreunde Stiller stehen - ganz wertungsfrei gesprochen - für etwas ganz anderes als wir. Da geht es um Gemeinsamkeit, während es bei uns immer um Vereinzelung, um Zweifel ging. Bei denen geht es um Fußball und Sport, was wir immer verabscheut haben; es geht um Mädchen, während wir ein geschlechtsspezifisches Ansinnen immer bewusst vermieden haben. Es ist völlig normal, dass Sportfreunde Stiller weit mehr Hörer haben als wir, denn sie machen ja auch einfachere Musik. Da soll jeder hingehen und sich freuen, das ist ja auch gut so. Warum habt ihr selbst mit der Einfachheit der frühen Alben gebrochen? Lowtzow: Vor allem rund um unsere vierte Platte "Es ist egal, aber" gab es einen sehr starken Vereinnahmungsprozess durch die Hörerinnen und Hörer; gleichzeitig wurden wir medial auf Slogans und ein bestimmtes Image reduziert. Für uns fühlte sich das dienstleisterisch an, dadurch funktionierte es nicht mehr. Wahrscheinlich ist es sehr unsympathisch, wenn eine Rockband nicht dienstleisterisch sein will, aber es wurde einfach unangenehm, als wir merkten, dass einem diese Verknappung und Vereinfachung von Dingen zu einer Art Werbetexter machte. In Deutschland wurde zuletzt wieder heftig über eine Radioquote für nationale Popproduktionen diskutiert. Wie steht ihr dazu? Zank: Die Motivation dieser Diskussion kann ich gut nachvollziehen: Radio hängt an ganz vielen Zwängen, und man möchte die eben aufbrechen und an Musik andere Maßstäbe anlegen als ihre reine Vermarkt- und Verkaufbarkeit. Die nationale Quote ist dafür nur leider das dümmste Instrument, das man sich vorstellen kann. Lowtzow: Diese Debatte ist die Kulmination des in Deutschland grassierenden Versuchs, Popkultur zu nationalisieren. Pop wird erst einmal per se als interessant erachtet und dann mit Bedeutung gefüllt. Die wäre im Augenblick aber nicht antistaatlich, sondern sozusagen mitstaatlich. Der Quotengedanke ist eben die nationalistischste Ausprägung des herrschenden Konservatismus. Noch einmal zurück zum Plattentitel "Pure Vernunft darf niemals siegen": Die Bush-Administration baut nicht zu knapp auf Lügen auf, der Irakkrieg ebenfalls. Begibt man sich da mit der Ablehnung "stumpfer Wahrheit" nicht auf dünnes Eis? Lowtzow: Auf dünnem Eis muss man stehen, da stehen wir sowieso! Und dann ist das natürlich kein Statement zur weltpolitischen Lage, denn zu der würden wir uns nie äußern. Man müsste auch lang und breit diskutieren, inwiefern die Bush-Administration tatsächlich auf Lügen aufbaut, denn da wird ja versucht, Wahrheit zu sprechen. Klar wird gelogen, aber das sind ganz andere Lügen als jene, die wir einfordern. Bei uns geht es darum, den Kopf zu verlieren oder auszuflippen; darum, eine Brechung oder eine Alternative darzustellen zu etwas, das langweilig ist. Zank: Die Bush-Administration argumentiert mit Vernunft. Bei Präventivschlägen heißt es, die müssten gemacht werden, um Demokratie global durchzusetzen. Das hat nichts mit Verrücktheit zu tun, obwohl es einem wahnsinnig vorkommt. Angst und eine Furchtlosigkeit sind ein wichtiges Thema der neuen Platte. Am Ende heißt es: "Jetzt bin ich bereit / Ich fürchte nichts weit und breit / Ich werde frei sein und gehen / Zur nächsten Station." Wie ist das zu verstehen? Lowtzow: Dass man keine Angst haben darf, auch keine Angst vorm eigenen Scheitern. Es kann einem nichts passieren. Für uns wurde das in den letzten vier, fünf Jahren zu einem ganz zentralen Thema; irgendwie hatten wir immer mehr Bammel. Scheitert man mit der Platte? Wie kann man sein Leben meistern? Gleitet man ab in irgendwas? Wird man verrückt? Wird man Alkoholiker? Wie lange kann man das noch machen? Wenn man aber merkt, dass einem Ängste immer mehr regieren und bestimmen, muss man sagen: Nein, niemals; man darf nie Angst haben! Der Text des eben zitierten Stücks "Ich habe Stimmen gehört" lässt auf Drogeneinfluss schließen ... Lowtzow: Naja, die Texte sind ja aus der Fantasie geboren. "Ich habe Stimmen gehört" ist beispielsweise entstanden, nachdem ich Hitchcocks "Vertigo" gesehen habe. Der letzte Satz des Films lautet: "Ich habe Stimmen gehört", und ich dachte mir: "Wow, das ist ein Supersatz, den kann man auch als Stücktitel verwenden." Beim Schreiben kommt man bestenfalls in so ein sprachliches Delirium, wo einen die Sprache bestimmt und man nicht mehr nachdenkt, aber man geht nicht hin und sagt: Ich habe ganz viele Drogen genommen, jetzt schreibe ich ein Lied drüber. So haben wir nie funktioniert, und so funktioniert auch keine Kunst. Wie verträgt sich euer komplexer inhaltlicher Anspruch mit der Sprache des Rock, die ja nicht gerade über den Intellekt funktioniert? Lowtzow: Heute gibt es häufig einen sehr ironischen Umgang mit Rock. Man merkt es, wenn sich Bands, die man auch gut findet, an Papas Plattensammlung abarbeiten. Uns ging es darum zu sagen: Nein, das ist alles jetzt wahr und richtig und muss auch ganz dringlich gesagt werden. Vielleicht ist es peinlich, aber dann ist es halt auch richtig so.

in FALTER 1-2/2005



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×