Jeans & Electronic

Christopher Just


"Es geht um Dreistigkeit"

Seit mehr als zehn Jahren nimmt Christopher Just mit seinen musikalischen Humorattacken die bierernste Elektroszene aufs Korn. Jüngster Streich: eine neue Platte, die eigentlich acht Jahre alt ist.

Ein guter Humorist ist, so das Vorurteil, im Privatleben ein depressiver Zeitgenosse. Das trifft offenbar auch auf den Techno-Entertainer und Elektronikproduzenten Christopher Just zu, der an sich für seinen Brachialhumor bekannt und gefürchtet ist. Zumindest tut der Wiener beim Fotoshooting im Anschluss an das Falter-Interview so, als habe er viel zu leiden - und inszeniert sich als trauriger Clown, dessen Blick nach der Einrichtung eines Spendenkontos zur Selbstwertsteigerung schreit.

Womöglich geht es aber auch nur um eine Imagekorrektur: Wegen Frühwerken wie "Wenn der Toni mit dem Polster und der Edi mit dem Finger" oder "Jörg Haider is schwul" wird der Mittdreißiger bis heute oft als reiner Häuslschmähbruder (schief) angesehen. Wogegen er sich auch im Gespräch verwehrt: "Natürlich gibt es bei mir diesen Beidl-Ansatz, wo es nur darum geht, Trash zu sein. Aber ich würde es andererseits nie aushalten, mich selbst einzusperren und nur mehr dieses eine Ding zu machen. Und die wirklich brachialen Sachen sind ja auch schon einige Jahre her."

Just wird freilich - da kann er noch so kontinuierlich und erfolgreich arbeiten - nach wie vor primär über seine Vergangenheit definiert. Und das meint vor allem: Ilsa Gold und Punk Anderson. Zwischen 1993 und 1995 ging er unter ersterem Namen gemeinsam mit Peter Votava alias DJ Pure überall dorthin, wo es wehtat. Als einschlägige Techno-Großveranstaltungen wie Mayday ihre Hochblüte erlebten, standen die beiden stets parat, um der ravenden Gesellschaft mit der Narrenkappe am Kopf den Spiegel vorzuhalten. Höhepunkt ihrer Laufbahn: Das Stück "Silke Süchtig", in dem sie den "Süchtig"-Schlager von Peter Cornelius (Just, leicht verlegen: "Ich mag den Typen wirklich") sampelten und zu einer nachdenklichen Bummbumm-Hymne auf die wachsende Drogenproblematik der Clubszene umdeuteten.

Von der Ansatzweise her versteht der ehemalige Angewandte-Student seine Arbeit heute noch ähnlich: "Ich sehe mich insgeheim nicht unbedingt als das Gewissen, aber doch als den mahnenden Mann der Szene. Wenn ich merke, dass die Dinge dogmatisch oder steif werden, werde ich aktiv. Im Nachhinein betrachtet sind dabei früher auch Sachen entstanden, die mir selbst nicht unbedingt gut getan haben, aber doch im Moment richtig und wichtig waren."

Zum Beispiel tat Just die Verkörperung des texanischen Ölmilliardärssohns Punk Anderson, als der er mit "Shave That Pussy" 1997 in den Charts und kuriosen TV-Interviews sein Unwesen trieb, nicht so gut. "Wenn ich das länger als ein halbes Jahr gemacht hätte, wäre ich wahrscheinlich gestorben", erinnert er sich an diese exzessiven Zeiten. Bis heute treffen immer wieder Anfragen ein, ob er einen Remix nicht verkaufsfördernd unter dem Namen Punk Anderson veröffentlichen könnte, "aber den habe ich längst begraben".

Mittlerweile geht Just es etwas ruhiger an. Auch in seinen Produktionen, mit denen er heute lieber für dadaistisch-situationistische Verwirrung als für rote Köpfe sorgt. Ein Beispiel dafür ist das Stück "I Love The Acid Too", das sich an den frühen Techno-Klassiker "Jesus Loves The Acid" von Ecstasy Club anlehnt. Flüchtig gehört, gleicht der Track dem Original wie ein Ei dem anderen. Tatsächlich wurde hier aber nichts geklaut, sondern lediglich minimal variierend nachgespielt. Da freut sich der Schelm: "Als mich die Macher von dem Track kontaktierten und meinten, ich hätte große Teile davon gesampelt, habe ich gesagt: ,Nein, meine Herren, hörts euch das bitte noch einmal genau an.' Am Ende haben wir uns darauf geeinigt, dass sie die Hälfte der Einnahmen kriegen. Aber das ist gar nicht so wichtig. Mir geht es oft einfach nur um Dreistigkeit. Immer wieder neu auszuprobieren, was alles geht."

Wenn man sich nur traut, geht offensichtlich eine ganze Menge. Zum Beispiel kann man eine Platte, die bei ihrer Erstveröffentlichung völlig untergegangen ist, einfach noch einmal auflegen - und so tun, als wäre sie neu. Was mit "Jeans & Electronic" (ursprünglich 1996 erschienen) soeben passiert ist. "Ich finde, die klingt heute auch noch gut", rechtfertigt Just den ungewöhnlichen Schritt. "Außerdem war ich mit Platten wie dieser einer der ersten, der die Retro-Elektro-Welle gestartet hat, auf der viele Produzenten heute noch reiten." Im Gegensatz zu vielen anderen Just-Projekten zeichnet sich das Album übrigens auch dadurch aus, dass es weitgehend humorfrei ist. Der freche Jeansboy-Blick vom Cover verhilft der fast wortlosen Elektronikplatte aber immerhin zu ein wenig Camp-Glamour.

Das muss man Christopher Just lassen: Irgendein halbwegs sinnfreier Blödsinn fällt ihm immer ein. Und wer weiß, vielleicht ist ja schon beim nächsten Mal die Hose wieder offen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 31/2004



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