Harps And Angels

Randy Newman


Heaven Can Wait

Es schaut nicht gut aus für den Erzähler von "Harps and Angels": "I caught something made me so sick / That I thought that I would die." Er wähnt sich bereits halb auf der anderen Seite, hört süßen Engelsgesang und Harfen, als ihm die Stimme des Schöpfers (ER spricht französisch!) verkündet, es handle sich um ein bedauerliches Versehen und er sei noch nicht an der Reihe. Immerhin kann der Überlebende seinen Zuhörern verkünden: "There really is an afterlife / And I hope to see all of you there / Let's go get a drink."
Wenn es eines Beweises bedurft hätte, dass Randy Newman auch 40 Jahre nach seinem Debütalbum immer noch ein relevanter Songschreiber ist, dann hat er ihn gleich im eröffnenden Titelsong erbracht. Nicht nur textlich ist der 65-jährige Kalifornier mit dem bösen Blick, der in den letzten Jahren vor allem für Disney komponierte und auch den Titelsong zu "Monk" schrieb, auf seinem zehnten Studiowerk mit neuen Songs wieder einmal am ­Zenit seines Könnens. Mit bärbeißigem Blues, authentischem Dixieland und spannenden Orchesterarrangements vermeidet er souverän jene Saturiertheit, an der so manche Kollegen in seinem Alter laborieren.
Über all die Jahre ist Newman ein Außenseiter geblieben. Und das, obwohl seine Songs von Legionen von Sängern gecovert, manche gar erst von anderen populär gemacht wurden ("You Can Leave Your Hat on", "Mama Told Me Not to Come"); und obwohl er nach unzähligen Nominierungen schließlich doch einen Oscar bekommen hat ("Ich will euer Mitleid nicht", begann er seine bewegte Dankesrede). Manche halten ihn irrtümlicherweise immer noch für einen Zyniker, weil er vor 30 Jahren einmal fiese Dinge über "Short People" gesungen hat, und vielen Amerikanern gilt er aufgrund seiner entlarvenden Kommentare zur US-Politik als schlechter Patriot. Auf "Harps and Angels" findet sich zum Stand der Dinge der Song "A Few Words in Defense of Our Country". Schon der Titel lässt jedem, der nur zwei, drei von Newmans Stücke kennt und schätzt, das Wasser im Mund zusammenlaufen – denn natürlich ist das nur die halbe Wahrheit. Newman meint zwar entschuldigend, dass es durchaus noch schlimmere Herrscher gegeben habe, etwa unter den alten Römern ("One of 'em / Appointed his own horse to be consul of the Empire / That's like vice president or something"), endet aber doch elegisch mit einem Bild eines untergehenden Imperiums: "This Empire is ending / Like all the rest / Like the Spanish Armada adrift on the sea / We're adrift in the land of the brave and the home of the free."

Während der Durchschnittsamerikaner sich verzweifelt um "A Piece of the Pie" bemüht und dafür noch zwei Nebenjobs annimmt, gehört die Zukunft schon den Kindern übereifriger "Korean Parents" und anderen Immigranten, denen der Sänger einen Ratschlag erteilt: "You've got to laugh and be happy / Smile right in their face / 'Cause pretty soon / You're gonna take their place." Dazwischen ist es dem alten Könner mit "Only a Girl" oder "Losing You" dankenswerterweise auch noch gelungen, ein paar seiner typischen Liebes- und Liebesschmerzlieder ohne doppelten Boden einzustreuen. Mag auch alles den Bach runtergehen, diese diffuse Sehnsucht bleibt und hält einen am Leben.
Der amerikanische Großkritiker Robert Christgau hat über Randy New­man geschrieben: "Seine Musik widerspricht seinem schleppenden Ton – der Stimme eines jüdischen Kindes, das in L.A. mit den Songs von Fats Domino aufgewachsen ist. Das musikalische Aufgebot reicht von Rock über Bottleneck bis zu den verschiedenen Schattierungen des Jazz. Ein perfektes Album." Diese Zeilen stammen aus dem Jahr 1970 und beziehen sich auf Newmans Album "12 Songs". Dass sie genauso gut für "Harps and Angels" Gültigkeit haben, ist Ausdruck einer erstaunlichen Karriere, die auch nach vier Jahrzehnten noch nicht am Ende ist.

Sebastian Fasthuber in FALTER 33/2008



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