Betwixt

Karayorgis/McBride/Newton, Monk/Shorter/Ellington/+


Klavier mit Hut

Das Schweizer Label Hat Hut (Vertrieb: Harmonia mundi) hat sich über die Jahrzehnte als verlässliche Anlaufstelle für alle möglichen Avantgarden erwiesen, ohne darob in dogmatische Erstarrung zu verfallen. Die Labelschiene hatOLOGY hat Pioniere wie Anthony Braxton, Steve Lacy oder Cecil Taylor im Sortiment, den Anschluss an die nachfolgenden Generationen aber nicht verpasst. Matthew Ship etwa, Jahrgang 1960, findet, er sei von Cecil Taylor "Lichtjahre entfernt". Nun ja, Liberace ist schon noch um einiges ferner, und mit seinem Trio (William Parker, b; Susie Ibarra, dr) neigt er auf "The Multiplication Table" mit erratischen Akkorden zu einer gewissen tellurischen Schwere. "Autumn Leaves" wird mit archaisch anmutendem Romantizismus ausgelegt, Duke Ellingtons "C Jam Blues" einer dekons­truktiven Neudeutung unterzogen.Ellingtons "Pitter Panther Patter" wurde Russ Lossing und John Hebert von Labelchef Werner X. Uehlinger vorgeschlagen, auf dass die beiden auf "Line Up" auch den Duos des Duke mit seinem Bassisten Jimmy Blanton die Reverenz erwiesen. Sie tun's mit ungeniertem Kontrastreichtum, der für Sekunden in fast sakrale Innigkeit kippt, aber erst auf den letzten 20 Sekunden erahnen lässt, wie das Original klingen muss. In ihren großteils völlig improvisierten Duos ("Hitchcock" war ursprünglich überhaupt nur als Soundcheck gedacht) überzeugen die beiden vor alle durch die Differenziertheit der Dynamik und den Reichtum des Ausdrucks innerhalb eines einzigen Stücks.Das Steve Lantner Trio kommt als Einziges der hier genannten Ensemble ohne Ellington aus. Mit je einem Stück von Anthony Braxton und ­Ornette Coleman huldigen sie auf "What You Can Throw" wohl nicht zufällig zwei kompositionsorientierten Free-Jazz-Apollinikern und changieren ansonsten zwischen leichtfüßiger Zielgerichtetheit und gegenläufigen Tendenzen zur Verdichtung und Desintegration.Neben Ellingtons "Heaven" haben Pandelis Karayorgis, Nate Mc Bride und Curt Newton auf "Betwixt" gleich ein Schüppel Modern Classics im Programm. Sun Ra ist angesichts von Karayorgis' psychedelischer Handhabung des Fender Rhodes (viva la Ringmodulator!) die logische, Monk die übliche, Wayne Shorter die seltsamste Wahl. Funny!

Klaus Nüchtern in FALTER 33/2008



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