Partitas 2, 3, 4

Murray Perahia, Johann Sebastian Bach


JSB, CBE & PDQ

Was wir verpasst haben, als der großartige Murray Perahia im vergangenen Juni alle Auftritte absagen musste, macht sein jüngstes Album schmerzlich deutlich: Bevor ihn seine alte, tragische Handverletzung wieder einmal behinderte, hatte er auf einem modernen Steinway die Partiten Nr. 2, 3 und 4 von
Johann Sebastian Bach eingespielt (Sony BMG) – mit so hinreißender Verve, leuchtendem Diskant und knackigen Bässen, wie man sie wohl nur von diesem undogmatischen Künstler zu hören bekommt.Ein Perahia in puncto Spielwitz und Prägnanz sicherlich verwandter, klanglich aber ganz anders orientierter Bachinterpret ist Andreas
Staier. Auf einem extravagant disponierten Cembalo (nach H.A. Haas) nahm der Originalklangexperte
sechs "Frühwerke" Bachs auf (Harmonia Mundi) – und zeigt mit einigen Toccaten, einem Capriccio (BWV 992) und einer Suite (BWV 818a) einen ausgesprochen vielseitigen und dabei doch stets unverwechselbaren jungen JSB.Trotz allem nicht zu verkennen ist Bach auch auf "Gold.Berg.Werk"
(Preisser), einem Projekt des Wiener Elektronikers Karlheinz Essl mit dem Orpheus Trio: Eine Trans­kription der "Goldberg-Variationen" für Streichtrio (D. Sitkovetsky) wird hier mit mathematisch durchargumentierten, musikalisch irritierenden elektronischen Einschüben und Nachklängen unterbrochen.Auch wenn Essl Bachs ewige Modernität nicht infrage stellen möchte, muss offenbleiben, wie der Alte auf diese Intervention reagiert hätte. Sein Sohn Carl Philpp Emanuel Bach begegnete einem ähnlich weitreichenden Eingriff jedenfalls äußerst zurückhaltend: Der Sturm-und-Drang-Dichter Heinrich von Gers­tenberg hatte seiner berühmten empfindsamen c-moll-Fantasie einst ein Shakespeare-Zitat unterlegt: "Hamlet, der über den Selbstmord raisoniert"
wurde prompt zu einem frühen Vorbild für das romantische Lied, wie Lorenzo und Vittorio Ghielmi mit Fantasien und Sonaten von CPE eindrucksvoll beweisen (Winter & Winter).Neues gibt es vom verkannten Bruder P.D.Q. Bach. (1807–1742). Dessen "Fiktograf" Peter Schickele hat für seine "Jekyll & Hyde Tour" (Telarc) neue Stücke ausgegraben: die lustigste Musik, die die Welt nicht braucht.

Carsten Fastner in FALTER 32/2008



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