Bring Ya To The Brink

Cyndi Lauper


Wieder mal Damenwahl

Beinahe parallel begannen 1984 zwei amerikanische Sänge­rinnen ihre Karrieren. Ende des Jahres landete Madonna mit "Like a Virgin" ihren ersten Nummer-1-Hit in den US-Billboard-Charts, einige Monate zuvor war dies Cyndi Lauper mit "Girls Just Wanna Have Fun" gelungen. Zufall? Beide Songs kamen im Gewand des gutgelaunten, überaffirmativen 80er-Jahre-Discohits daher, versteckten unter dieser glatten Oberfläche jedoch eine klare Botschaft: Jungs, ihr könnt uns gern begaffen, solang ihr wollt, aber wir Mädels übernehmen jetzt mal das Ruder.
Dieser Erfolg der Girl-Power gelang nicht von selbst. So benötigte Cyndi Lauper einige Überredungskünste, ehe ihr ihre Plattenfirma überhaupt gestattete, auf dem ersten Album "She's So Unusual" auch selbst geschriebene Songs zu platzieren. Darunter befand sich immerhin die inzwischen zum Klassiker avancierte Ballade "Time After Time", von der Meisterjazzer Miles Davis eine Version aufnehmen sollte. Auch um mittexten zu dürfen, musste die damals 30-jährige New Yorkerin kämpfen. Zu "Girls Just Wanna Have Fun" schrieb sie erst in letzter Minute einen Text aus weiblicher Perspektive.
24 Jahre später ist Madonna die unangefochtene Königin des Pop, während Cyndi Lauper sich nach ihren Erfolgen in den 80ern mehr aufs Leben bzw. ihr Engagement für die Rechte von Lesben und Schwulen konzentrierte; Platten nahm sie nur auf, wenn sie Lust hatte. Ihr letztes Album, "The Body Acoustic", datiert zwar erst zwei Jahre zurück, allerdings versammelte sie darauf lediglich entschlackte Neuaufnahmen ihrer Hits. Davor standen Lieder aus dem gro­ßen amerikanischen Songbook ("At Last") und eine ziemlich ulkige Weihnachtsplatte ("Merry Christmas … Have a Nice Life"); neue Songs gab sie zuletzt 1996 auf dem spleenigen "Sisters of Avalon" zum Besten.
Umso überraschender kommt nun "Bring Ya to the Brink", das lupenreinen Dance-Pop serviert. Eher hätte man erwartet, dass die mittlerweile 55-Jährige jodelt oder ihrer Liebe zu Instrumenten wie dem Hackbrett frönt, als dass es sie noch einmal auf die Tanzfläche zieht. "Vielleicht haben die Leute ein falsches Bild von mir, ich sehe mich jedenfalls immer noch als Teil der Popkultur", sagt sie dazu. Das neue Album biete jedoch mehr als Tanzmusik: "Man kann an der Oberfläche bleiben und sich dazu bewegen, aber man kann auch in den Texten eine Menge entdecken."
Darin besteht der große Unterschied zu Madonna: Man kann zu Cyndi Laupers Musik tanzen, aber man muss nicht. Während Madonnas "Hard Candy" perfekt durchgestylten, globalen Pop für alle Lebenslagen bietet, klingt "Bring Ya to the Brink" mehr wie das Privatvergnügen eines großen Mädchens, das mal eben Lust darauf hatte, bei ein paar Dance-Produzenten anzuklopfen. Wobei auch die Liste der Beteiligten mit den britischen House-Eklektikern Basement Jaxx, dem aufstrebenden Schweden Kleerup und diversen anderen Großraumdisco-Beschallern nicht unbedingt den Eindruck hinterlässt, hier wolle sich jemand um jeden Preis die heißesten Produzenten der Zeit einkaufen.

Heute führt mit Duffy, Amy Winehouse & Co wiederum eine Riege junger Frauen die Charts an. In diesen Wettstreit wird Cyndi Lauper mit den technoid böllernden Beats von "Bring Ya to the Brink" aller Voraussicht nach nicht mehr eingreifen. Über Weiblichkeit und Stärke kann die ewig Wasserstoffblonde freilich immer noch das ein oder andere Lied singen. Die gute Nachricht: Es lässt sich jetzt wieder Spaß haben mit Cyndi.

Sebastian Fasthuber in FALTER 31/2008



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