Knowle West Boy

Tricky


Einmal um den Block

Knowle West heißt das kleine, gut 10.000 Bewohner zählende Viertel von Bristol, in dem Adrian Thaws alias Tricky aufgewachsen ist. Der dazugehörige Wikipedia-Eintrag bringt die Ambivalenz sogenannter Ghettos schön auf den Punkt: "Knowle West hat einen schlechten Ruf unter der Bevölkerung von Bristol und ist einer der sozial benachteiligtsten Bezirke der Stadt, obwohl viele der Bewohner einen starken Gemeinschaftssinn haben und es Familien gibt, die seit Generationen in der Gegend leben." Sprich: Keiner will dort wohnen, aber wer schon drinnen ist, der macht das Beste draus.
In den Worten von Tricky, der mit seinen bluesig-paranoiden Raps die Frühphase von Massive Attack mitgeprägt hat und später eine erfolgreiche Solokarriere startete, klingt das so: "Es gab und gibt sicher bessere Viertel, aber ich erinnere mich heute vor allem daran, dass die Familie in meiner Kindheit sehr viel zählte. Mehrere Generationen lebten unter einem Dach. Wo gibt es das heute noch? Man kann seine Kinder heute nicht mehr Tag und Nacht auf der Straße rumlaufen und spielen lassen. Es wäre zu gefährlich." Früher war alles besser, offenbar sogar das Leben im Glasscherbenviertel.
Auf "Knowle West Boy", mit dem er nach fünf Jahren Pause ein Comeback versucht, erinnert sich der TripHop-Star wider Willen ("ich habe den Begriff immer gehasst") an seine Kindheit und Jugend. Vielleicht ein wenig verklärt, was in seinem Fall jedoch durchaus verständlich scheint. Tricky hat seinen Vater nie kennen gelernt und seine Mutter beging Selbstmord, als er vier Jahre alt war. Hätten nicht mehrere Generationen der Familie in der Nähe gelebt und sich die Großmütter seiner angenommen, er wäre vermutlich in einem Heim gelandet. Heute sagt er: "Knowle West und meine Verwandten, die heute noch in der Umgebung wohnen, haben mich zu dem gemacht, der ich bin." Seine neue Platte versteht er als musikalisches Dankeschön an seinen Block, wo er zwischen Omas und Sound-Systems groß wurde.
Die letzten Jahre hat der Meister der kunstvoll genuschelten Reime weit weg von Bristol auf Tauchstation in New York und Los Angeles verbracht. Außer ein paar Kurzauftritten in Filmen, in denen er mehr oder weniger sich selbst spielte, habe er nach dem 2003er-Album "Vulnerable" erst einmal gar nichts gemacht, erzählt ein erfreulich aufgeräumter Tricky im Telefoninterview: "Ich habe pausiert. Das war unbedingt nötig, denn ich hatte vorher eine Menge Platten in ziemlich kurzer Zeit gemacht."
Und zwar nicht die schlechtesten. In seiner Diskografie finden sich endzeitliche Groove-Meisterwerke wie "Maxinquaye", dessen Titel sich vom Namen seiner Mutter ableitet, "Nearly God" oder "Pre-Millennium Tension". In der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre zählte Tricky zu den kreativsten Popmusikern überhaupt. Kaum jemand brachte HipHop, Reggae, Funk, aber auch Rock derart schlüssig unter einen Hut wie er, und niemand klang dabei noch derart einzigartig. Wie so viele Frühvollendete verzettelte sich dann aber auch der Mann, der seinen Geburtstag mit Mozart teilt. Werke wie "Blowback" (2001) zeigten das Genie auf Irrwegen. Plötzlich berühmt geworden, umgab sich Tricky mit anderen Berühmtheiten wie Alanis Morissette oder den Red Hot Chili Peppers. Das Ergebnis war verwässerte Kost, die den durchschnittlichen Popkonsumenten kaltließ und die Fans verärgerte.

Auf dem neuen Album hat er nun zum Glück wieder ein Ohr auf der Straße. Der streng starfreie Cast der Platte umfasst No-Name-Sänger wie den Eisverkäufer Joseph oder die Italienerin Veronica, die der passionierte Kiffer auf seinen Streifzügen durch New York und L.A. kennen lernte. Er hat auch gleich die betreffenden Songs nach ihnen benannt. Es ist seine Art, wieder Kontakt aufzunehmen: In den eher planlosen Jahren seines kreativen Sabbaticals ("ich saß in Autos rum, hörte mir Musik an und rauchte mein Zeug") hatte er die Handynummern verloren.
"Knowle West Boy" kommt überraschend. Nicht nur dass Tricky – ebenso unerwartet wie die Kollegen von Portishead – wieder da ist, er kann in den zwölf neuen Stücken an die Qualität seiner Frühwerke anschließen. Die undogmatische Mischung aus Dancehall, schwerem Rock-Schlagzeug, HipHop und Blues samt locker eingestreutem Kylie-Minogue-Cover ("Slow") macht gerade heute, wo selbst Indiemusik strengen Formaten zu entsprechen hat, viel Freude. Wenn es schon um Jugenderinnerungen geht: Die Platte funktioniert wie eines dieser Mixtapes, die man sich früher fürs Autoradio oder für den Walkman aufgenommen hat. Über den Vergleich freut sich Tricky. "Ich wollte Songs machen, die so gut sind, dass man gleich wieder zurückspulen und sie noch einmal hören will."
Kürzlich noch stand er ohne Plattenvertrag da, schon bastelt der 40-Jährige am nächsten Album. Zwar kennt er von seinen neuen Labelkollegen bei Domino Records bis dato nur die berühmten Gitarrenbands Franz Ferdinand und Arctic Monkeys, doch er fühlt sich gut betreut und verstanden: "Davor hatte ich frustrierende Meetings mit Major-Plattenfirmen. Hier kann ich mir eine Zukunft vorstellen." Wenn jetzt noch Massive Attack ihr für heuer angekündigtes neues Opus nicht in den Sand setzen, befindet sich Bristol endgültig wieder auf der musikalischen Landkarte. "Bristol?!?", protestiert Tricky. "Knowle West!"

Sebastian Fasthuber in FALTER 28/2008



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