X Marks Destination

The Whip


Tanz, tanz, tanz

Ist die songförmige elektronische Popmusik der Gegenwart womöglich allen knalligen Genrebezeichnungen zum Trotz nur eine Fortsetzung des Electroclash der Jahrtausendwende? Wird der (Synthie-)Pop der 80er auch in den 2010er-Jahren noch massiv nachhallen? Und sind diese Fragen nicht vielleicht komplett egal, solange die jungen Retrovögel ihren Zweck erfüllen, also das Hirn leer und die Tanzfläche voll machen?
The Whip aus Manchester gelingt das gleich in "Trash", dem unwiderstehlichen Auftakt ihres Debüts "X Marks Destination" (PIAS/Edel) ganz ausgezeichnet. Der Text besteht zur Hälfte aus der Schwachsinnszeile "I wanna be trash", aber der simpel Richtung Spontanhysterie drängende Rhythmus sorgt dafür, dass man ihn umgehend mitbrüllt – ausgelassen tanzend, versteht sich. Der zweite Song, "Frustration", nimmt das Tempo als wunderbare Liebeserklärung an New Order kurz raus, "Fire" böllert aufs Neue los. Zwischen diesen beiden Polen – überschäumende Ausgelassenheit und kurzes Innehalten – spielt sich auch der Rest dieses kurzweiligen Albums ab.
Liebe alte Bekannte sind die schicken Damen und Herren von Ladytron. Sie verschieben ihren kunstsinnigen Synthiepop auf "Velocifero" (Major/Hoanzl) zusehends Richtung Großraumdisco, was nicht zuletzt dank des wunschlos unglücklichen Gesangs mehr als nur einmal am Herzen rührt, allerdings auch einige Leerläufe produziert.
Gnadenlos auf die Tube drückt das australische Duo The Presets. Ihr zweites Album trägt seinen Titel "Apocalypso" (Modular/Universal) nicht von ungefähr, die gute alte Drei-Akkord-Lehre des Punkrock findet sich konsequent ins Dance-Punk-Format übersetzt, dazu plärrt eine arrogante Stimme, und die eine oder andere Depeche-Mode-Platte kennt man wohl auch. Zwischengeschobene Freundlichkeiten und Anflüge von Soul im Gesang bleiben die Ausnahme, die volle Dröhnung die Regel.
Vergleichsweise kuschelig und verspielt kommt "Sample And Hold" (Wichita/Universal) von Simian Mobile Disco daher, die Remixversion des letztjährigen Hit­albums "Attack Decay Sustain Release". Remixer wie Shit Robot, Joakim, Silver Apples oder Simon Baker sorgen für Abwechslungsreichtum, echte Bringer bleiben aber aus.

Gerhard Stöger in FALTER 27/2008



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