The Very Heart of Things

Renate Hornstein


kalt/warm

Reine Gegenwart ist nicht zu haben, alles knüpft an bereits Bestehendes an. Das Vorangegangene ist nicht schlechterdings Vergangenes, sondern kann – neu gesehen und geordnet – helfen, den Anspruch auf Zeitgenossenschaft zu erheben. Wird dieses Ziel nicht angestrebt oder verfehlt, stellt sich der Eindruck des Epigonalen oder Anachronistischen ein. "noises & voices" (Extraplatte) etwa beschert einem das ein oder andere Déjà-vu, das man in den Untiefen der 90er-Jahre versunken glaubte. Das hat – etwa im Falle von "Reduced to the Max" – auch seinen eigenen Charme. Diese Mischung aus Soundsamples zwischen Bahnhof und Bassena, gefriergetrockneten Grooves, suggestiv-minimalistischen Basslinien, distanziertem Gesang und melancholischen, verhallten Sax-Girlanden, die The Monochrone Tone als Livemusik für eine Tanzperformance entwickelt haben, hätte zu Zeiten, als der New Yorker Musikschuppen The Knitting Factory noch als Epizentrum der Innovation galt, recht up to date ausgesehen.Ganz offen retro ist das Projekt der Sängerin Marina Zettl und des ebenfalls aus Graz stammenden Pianisten Michael Kahr, die sich unter dem Namen miss | mister zusammengetan haben, um mit "bittersweet" (cracked anegg) dem Genuss der eigenen "bittersweet emotions" zu frönen. Fenderpianofedernder Softjazz verbindet sich mit Bossa-Relaxtheit und Scat-Vokalisen zu einem mitunter durchaus aparten Geht-jetzt-wieder-Gemisch. Wo man in restaurativer Verve und deutscher Sprache die Nähe zum Schlager riskiert, läuft aber alles schief; "Die innere Stimme, lausche ihr nur zu" – das geht nun gar nicht.Mit einer ganz anderen emotionalen Dringlichkeit kommt "The Very Heart of Things" (Extraplatte) einher. Das ist stellenweise irritierend und ein bisschen nervig, aber gerade in seiner Risikofreudigkeit überzeugt der hyperartikulierte, offenkundig an Joni Mitchell orientierte Gesang von Renate Hornstein dann doch fast vollständig – nicht zuletzt dank der exzellenten, sehr klug dosierenden Begleitmusiker. Solange niemand auf die Idee kommt, sie als "the new Rebekka Bakken" rauszubringen, hat Hornstein gute Chancen, "the only Hornstein" zu werden.

Klaus Nüchtern in FALTER 26/2008



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