Limbo,Panto

Wild Beasts


Gänsehäutige Götter

Wo die Frage schon unbeantwortet in der Luft liegt: Ja, es gibt ihn, den guten Fußballsong. Und genauso wie das gute Liebeslied lieber den Schmerz vertont als banal die Erfüllung zu loben, planscht auch der gute Fußballsong nicht euphorietrunken im Denkmalbrunnen, sondern seufzt schwere Wehmut auf der falschen Seite der Tribüne. "Der Platz stöhnt wie der Bauch eines schlafenden Wals", heißt es in "Woebegone Wanderers", der einsamen Krönung dieses gottverlassenen Genres. "Bei meinem Schwanz und meinen Eiern und den vier Wänden meiner Familie" schwört der leidgeprüfte Fan in flennendem Falsett, dass er seinen Verein diese Saison nicht verraten wird. Doch der gute Vorsatz kann nicht länger als eine Strophe halten, gilt dieser Song, wie sein Titel schon erahnen lässt, doch ausgerechnet dem ebenso chronisch uncharmanten wie glücklosen nordenglischen Club Bolton Wanderers.
Aus deren unmittelbarem Einzugsgebiet, genauer gesagt aus Kendal in Lancashire, kommen auch die Urheber der Nummer. Ihre in zierliche Gitarren- und Tastenparts gefasste Hysterie macht die Wild Beasts zu einer der eigentümlichsten Bands, die die von manierierter Pseudoeigentümlichkeit verpestete britische Indieszene seit langem hervorgebracht hat. Sänger und Gitarrist Hayden Thorpes übt sich in sprachspielerischen Verballhornungen eines antiquierten Zwischenkriegsenglisch, wie es ein beträchtlicher Teil der britischen Jugend heutzutage gern als originellere Alternative zum pseudo-amerikanischen Trendvokabular des Mainstream verwendet. Im Song "Assembly" entblößt er sich dabei als "gänsehäutiger Gott", und in "Please Sir" unterbreitet er seinem Gegenüber "Chips mit Käse als ein Friedensangebot". "Vigil for a Fuddy Duddy" zelebriert wiederum in einer Mischung aus Selbstironie und verletztem Stolz die sexuelle Unbeholfenheit des englischen Mannes: "Schlaff hatte ich darum gebeten / Brülle, spuckenreiche Bauchgrube und erröte mit heißem Hormon / Wasche es mir ab, dieses traurige klebrige Zeug / Schluchze in die Seifenblasen, stutze meinen Schnauzer und zieh den Stöpsel".
"Wir haben eine sehr romantische Bindung zu den Ideen der alten Zeiten", behauptet Thorpe, selbst ein Schnauzbartträger, beim Interview im Raucherkämmerchen seiner Londoner Plattenfirma unter Verweis auf die teils genüsslich altmodischen Harmonien der Songs. "Die Ära vor dem Rock 'n' Roll spielt gerade im britischen Pop eine große Rolle", setzt Co-Gitarrist Ben Little fort, "Rock 'n' Roll wird oft als der Ursprung von allem dargestellt, aber man sollte den großen Erzählsträngen gegenüber immer skeptisch sein, ob es nun um den Punk oder um die Sixties geht. Die Wahrheit ist oft weit weniger kohärent."
Allerdings. Insofern ist es auch wieder typisch, dass die Wild Beasts im Format der Gitarrenband dem Rockgebot trotzen, während es gleichzeitig im Vorprogramm der New Yorker Indie-Afro-Pop-Band Vampire Weekend einen 24-jährigen, schmächtigen Amerikaner nach London verschlagen hat, der allein mit dem Laptop zu rocken versteht. Auf Tour hat White Williams zwar eine Band mit dabei, aber sein erklärtes Ziel ist, bei Liveauftritten mehr und mehr "Fake-Sounds" zu verwenden. Bis der Kreis zum Ursprung seines in digitaler Heimarbeit erschaffenen Debütalbums "Smoke" geschlossen ist.
Dieser Ursprung liegt ungefähr in der Mitte der CD bei "Lice in the Rainbow", der aus allerlei elektronischem Fiepsen bestehenden, allerersten Soloschöpfung des ehemaligen Schlagzeugers einer suburbanen Punkband. Im Verlauf seiner nomadenhaften Umzüge von einer urbanen Kleinstwohnung zur nächsten erweiterte Williams sein Repertoire an "echten Instrumenten" wie Gitarre und Bass und ergründete in seiner zunehmend eloquenten Vertonung des Lebens im zeitgenössischen Präkariat verschiedene Formen des synthetischen Rocksongs.
Da wäre etwa der manische Beat von "New Violence", die an Of Montreal erinnernde, tanzbare Nervosität von "Violator" und "The Shadow", die den Young Marble Giants oder Suicide nicht unverwandte Reduktionsästhetik von "Route to Palm" oder, als Gegensatz dazu, die schleichend morbide T-Rex-Parodie "In the Club" bzw. die entstellten Funk-Bass-Samples im düsteren Titelsong "Smoke". "Der Aasfresser-Junge ist ein Nervenwrack / Kann nicht schlafen wegen des Juckens / Alle Muskeln zucken", singt White Williams in "Headlines", einer Nummer, die er in New York im Zustand der "totalen Ohrenerschöpfung" schrieb. "Ich arbeitete in einem Vollzeitjob, während ich gleichzeitig eine Schule besuchte. Dazwischen fuhr ich immer mit der Subway, wo es tonnenweise Lärm gibt, und hörte dabei auf meinem iPod endlos MP3s. In der Arbeit hörte ich auch noch Musik, und sobald ich endlich zuhause war, arbeitete ich an meinen Tracks", erklärt der scheue Williams in der Garderobe vor seinem Londoner Konzert. "Ich merkte, dass mein ganzer Körper von dem vielen Hören völlig ausgelaugt war."

Dass unter diesen Umständen eine kurzweilige Popplatte zustande kam, ist ebenso paradox wie das Albumcover, ein per Photoshop montiertes Doppelporträt des transsexuellen New Yorker Models Sophia Lamar, die mit sich selbst am Tisch sitzend eine Wasserpfeife raucht, während ihr regenbogenfarbene Tränen über die Wangen rollen. Die Szene ist angeblich einer wahren Begebenheit bei einer Party in Ohio nachempfunden, wo ein weinendes Mädchen ihr Liebespech in süßem Rauch ertränkte. "Diese Vorstellung hat mich fasziniert", sagt Williams, während seine Finger unruhig auf dem eigenen CD-Cover klappern. "Wie kann jemand weinen und high werden zugleich?

Robert Rotifer in FALTER 26/2008



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