Aural Siesta

Paul Divjak


Es geht ihm gut

Der Mann mit der Glatze ist für Überraschungen gut. Zum Falter-Gespräch am Nachmittag vor dem Polen-Spiel erscheint er in einem Hemd mit dem Label "Paul Divjak" und mit einer Parfumflasche, auf der "Eau de Pologne" steht. Es bereitet ihm sichtlich Spaß, für ein wenig Verwirrung zu sorgen und den Gesprächspartner, der ihn als Musiker, Filmemacher, Künstler und Autor erwartet hat, gleich zu Beginn aus dem Konzept zu bringen. Modemacher und Duftkreateur ist Paul Divjak also auch noch.
Das Parfum ist ihm anlässlich einer Ausstellung in Polen eingefallen. "Ich habe einfach alles reingeschmissen, was ich mit dem Land assoziiert habe: Brennnessel, Heublumen und natürlich Wodka", schmunzelt der 37-Jährige. "Man kann es auch trinken!" Auch das Hemd, das er vorführt, ist natürlich kein gewöhnliches, sondern wurde aus verschiedenen Stoffen zusammengenäht: "Vorne sind es italienische, hinten französische. Ich habe die in einem Laden in einer Holztruhe entdeckt und konnte sie nicht verkommen lassen." Wie bei so vielem, was er macht, handelt es sich um einen Grenzfall: Irgendwie ist es Kunst mit Found Objects, andererseits kann man es einfach als schickes Hemd sehen. "Ab Herbst wird es die Kollektion überall geben", informiert der Designer auf Nachfrage. "Naja, bei H&M vielleicht nicht."
Wer jetzt denkt, der Mann sei ein Spaßvogel, liegt ganz falsch. Divjak geht seinen Interessen jedoch mit einer Lust nach, die vielen Menschen im Kunstbetrieb fehlt oder irgendwann abhandengekommen ist. "Eigentlich führt mich die Arbeit immer mehr zu einer Haltung", sagt er. "Nämlich sich wohlzufühlen mit dem, was man macht, und, auch wenn das jetzt komisch klingt, glücklich zu sein. Ich habe lange Zeit Video- und Soundinstallationen im Museumskontext gemacht. Da gab es immer die Kritik, dass das atmosphärische Dinge sind, die den Betrachter fragen: Wie geht's dir? Ich finde das aber eine legitime und wichtige Frage."
Als Kind wollte Paul Divjak Regisseur werden und interviewte Passanten auf der Straße. Nach der Matura studierte er zuerst Bildhauerei, dann die gute, alte Fächerkombination aus Theaterwissenschaft, Publizistik und – vor allem – Philosophie: "Die hatten da einen Hochschullehrgang für Film und Kulturwissenschaften, wo viele Vortragende aus dem Ausland kamen. Ich sage nur: Hardcoretheorie! Das hat vom Denken her viel weitergebracht." Die praktische Arbeit begann mit Kurzfilmen und Videos, die oft bewegte Bilder zu Sounds von befreundeten Musikern wie Bernhard Fleischmann oder Hans Platzgumer boten und über Sixpackfilm als "Austrian Abstracts" vermarktet wurden.
Dass Divjak inzwischen selber Musik macht, sei einem glücklichen Zufall zu verdanken. "Ich war mit einer Videoinstallation in Deutschland. Ein Labelbetreiber aus Berlin hat mich mit dem Nachbarbeitrag verwechselt und um einen Track gebeten. Ich habe zwar Klavier gelernt und mal in einer Band gespielt, aber das war schon einige Zeit her. So habe ich mir halt schnell von Bekannten die nötige Musiksoftware besorgt und losgelegt."
Den Vorwurf, ein Generaldilettant und Hans Dampf in allen Gassen zu sein, bekommt er öfter zu hören. Er ist ihm herzlich egal. "Vielleicht hat der Hans Dampf sogar einen Vorteil", gibt er zu bedenken. "Viele Chancen hätten sich nie ergeben, wenn ich immer nur Kunst oder Film gemacht hätte. Bei mir sind die Schubladen eben alle parallel geöffnet. Sicher ist es oft eine Gratwanderung. Aber das bin eben ich."
Freilich macht Divjak keine halben Sachen. In die Musik hat er sich in den letzten Jahren gründlich eingearbeitet ("Mir ist es wichtig zu wissen, in welches Referenzsystem man sich einschreibt"), und mittlerweile kann er zur internationalen Spitze des Ambient gezählt werden. Mehr noch als das letzte Album "Rauschgold" ist das aktuelle, "Aural Siesta", eine feine Ansammlung von Soundminiaturen, die sich zum Nebenbeihören wie zum konzentrierten Lauschen eignen. "Das Abmischen hat zwei Monate gedauert", sagt Divjak. Dabei hat er aber auch kein Problem damit, wenn die CD als Gebrauchsmusik eingesetzt wird: "Ich kriege tolles Feedback von Leuten, die sie für Yoga oder Meditation verwenden. Die sind total dankbar, weil dafür sonst nur nervige Kitsch-CDs produziert werden."
Als weiteres Standbein hat sich nach und nach das Schreiben herauskristallisiert. Schon seit 1998 erscheinen in Verlagen wie der leider nicht mehr existierenden Edition Selene immer wieder Bücher unter seinem Namen. Seinen bislang größten Coup als Autor aber landete er im vergangenen Jahr mit dem furiosen Prosamonolog "Kinsky" (eine Art "Austrian Psycho", erschienen im Czernin Verlag), der ihm unter anderem eine ausgesprochen freundliche Rezension in der Süddeutschen Zeitung einbrachte. Im Herbst kommt bei Ö1 eine Hörspielfassung davon. Der Leser darf raten, wer für sie verantwortlich zeichnet.
Noch etwas? Ja, Theaterstücke schreibt Divjak auch noch. 2005 wurde "sofa surfen" im Burgtheater-Kasino uraufgeführt. Gerade hat er für sein kommendes Stück "Die Müllinsel" den Theodor-Körner-Preis erhalten: "Da geht es um diverse Müllskandale in Europa. Ich habe Raimunds ,Barometermacher auf der Zauberinsel' als Hintergrundschablone verwendet und verschiebe das in Richtung eines Müllbarons, der ein fiktives Inselreich beherrscht."

Sollte noch ein wenig Zeit bleiben, dann fotografiert der zwischen einer Wohnung im 9. und einem Atelier im 17. Bezirk Pendelnde gerne, pflegt seine Sammlungen von Musikkassetten und diversen Video- und Filmformaten, oder er verfasst Texte zur Architektur und Werbesprüche für Industrieroboter. "Es gibt keinen Themenbereich, wo man nicht auf ganz spannende Sachen stoßen würde", glaubt er. "In viele Gebiete könnte man sich in ein paar Tagen so weit einarbeiten, um im Fernsehen als Experte dazu auftreten zu können. Zum Glück bin ich jedoch ein bisschen weggekommen vom zwanghaften Ansammeln. Jahrelang habe ich auch Nachlässe aus Mülltonnen gefischt. Man ist um einiges freier, wenn man das nicht muss."
Fehlt nur noch eines, und Divjaks Liste wäre komplett (Ausdruckstanz will er als Kunstform für sich eher ausklammern): "Irgendwann möchte ich einen Spielfilm machen." Und einen Falter-Artikel über ihn hat es bislang komischerweise auch noch nicht gegeben, oder? "Stimmt nicht. Ich bin 1994 oder 1995 einmal als Manager eines falschen dänischen Künstlerduos, das ich mit einem Freund gemacht habe, befragt worden." Das schaut ihm ähnlich.

Sebastian Fasthuber in FALTER 25/2008



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