22 Dreams (Special Edition)

Paul Weller


Nur geträumt

Das Spannende an Paul Weller ist seine Zerrissenheit: Modfather, und als solcher ein eifriger Bewahrer britischer Musiktradition, bediente er mit seiner seit 1993 verfolgten Solokarriere bislang vor allem die Ansprüche popmusikalisch wertkonservativ ausgerichteter Familienväter und wird von der Presse folglich als Vertreter des sogenannten Dad-Rock belächelt. Auf der anderen Seite hat der unlängst 50 Jahre alt gewordene Sänger und Gitarrist immer schon gern experimentiert und Erwartungshaltungen unterlaufen.
Als Weller seine einflussreiche Postpunk-Combo The Jam Anfang der 80er auflöste, weil sich nichts mehr bewegen wollte, daraufhin The Style Council gründete und schön fluffigen Soulpop spielte, hat er damit seine Fans erst mal schockiert. Als er den bald sehr populären Council-Sound auf späteren Alben abwandelte, gab's Zores mit der Plattenfirma. Das gar nicht mal ungelenk mit House Music jonglierende letzte Album der Band, "Modernism – A New Decade", wurde erst neun Jahre nach Fertigstellung veröffentlicht.
Insofern verwundert es nicht, dass Weller im Verlauf seiner Solokarriere immer wieder nach uneingeschränkter Liebe suchte und mit einigen bodenständigen Alben zuletzt auch höchst erfolgreich war. Eine umso erfreulichere Überraschung ist es, dass er nun nach über 30 Dienstjahren mit "22 Dreams" völlig unerwartet sein ambitioniertestes und inspiriertestes Album seit überhaupt vorlegt. "Ich habe mir das Recht erarbeitet, keine Kompromisse mehr einzugehen. Ich kann machen, was ich will", wird der Working-Class-Spross aus Woking dazu zitiert.
Und er macht es: Schon das spinnerte Folkgeklimper des eröffnenden "Light Nights" lässt erahnen, dass etwas im Busch ist. Der darauffolgende Titelsong ist zwar ein typischer Hochgeschwindigkeits-Rockstampfer, der auch von einem der letzten Alben stammen könnte, wird aber mit mehr Pfeffer und Soul vorgetragen. Apropos Seele: Mit "Empty Ring" oder später "Cold Moments" lässt der Motown-Fan einige seiner berührendsten Soulsongs seit langem folgen. Selbst das zusammen mit Noel Gallagher von Oasis geschriebene "Echoes Round the Sun" ist ein Bringer. Auf dessen dröhnende Psychedelik folgt wiederum eine elegant tänzelnde Rumba.
In den 21 Stücken des Albums (Nummer 22 ist die im Booklet abgedruckte surreale Kurzgeschichte "The Missing Dream aka Dream 22" von Simon Armitage) versucht sich Weller darüber hinaus auch erfolgreich an Instrumentals. Am Alice-Coltrane-Tribute "Song for Alice" mit Kumpel Robert Wyatt an der Trompete werden auch Jazzkenner nichts auszusetzen haben. Das freundlich trippende "The Dark Pages of September Lead to the New Leaves of Spring" wiederum könnte auch von den Beach Boys in der "Smile"-Periode stammen. Und dennoch wirkt nichts davon forciert.

Kein Konzeptalbum; "22 Dreams" ist eine musikalische Wundertüte. Dass ihr ganz am Ende die Wunder ausgehen, macht nichts. Das letzte Viertel dieses nach klassischen Spät-60er-/Früh-70er-Doppelalben gestalteten Werks zeigt mit einem pathetischen Spoken-Word-Stück namens "God" und der uninspirierten Elektronik-Spielerei "111", wie leicht Wellers Traumreise auch in einem kreativen Schiffbruch hätte enden können. Am besten hält man sich an den germanophilen Titel von Stück 16, "Lullaby für Kinder", gönnt sich von da an ein Nickerchen und wacht mit dem Gefühl auf, eine der schönsten Platten der letzten Zeit geträumt zu haben.

Sebastian Fasthuber in FALTER 25/2008



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