Motel Life

Willy Vlautin, Robin Detje


58 Motels

I fucked up again, I barely know, where I am", singt Willy Vlautin, begleitet nur von Klavier und einer anämischen Mundharmonika auf "Thirteen Cities", dem jüngsten Album seiner Band Richmond Fontaine. Es ist der letzte Song, und er bringt das Grundgefühl all der gescheiterten und gestrandeten Gestalten, die hier besungen werden, noch einmal auf den Punkt: "Lost in this World" heißt er. Verloren sind sie, weil sie nicht wissen, wo sie hin sollen, aber auch nicht zurück können. Also sind sie eben unterwegs. "A motel life ain't much life, motel ain't much a home", heißt es in einem anderen Lied ("Westward Ho"), und von diesem unsteten Leben erzählt auch Vlautins Romandebüt "Motel Life".
"Das Mizpah, das Morris, das Chalet, das 777, Heart of Reno, Sandman, das Oxbow ..." und dann zählt Frank Flannigan noch 51 weitere Motels auf, die sein um zwei Jahre älterer Bruder Jerry Lee mit Bleistift oder Kohle skizziert hat. Einige dieser Zeichnungen sind im Roman abgebildet, und eigentlich hat sie Nate Beaty gemacht; hält man sich allerdings an die Fiktion des Romans, stammen sie von Jerry Lee. Ein anderer könnte – dank eines cleveren Galeristen – mit ihnen vielleicht sogar richtig Kohle machen; in der Welt von "Motel Life" sind sie bloß das nutzlose Hobby eines Teenagers, dessen Talent nur vom eigenen Bruder geschätzt wird.
"Motel Life" könnte ein richtig furchtbares Buch sein. Oder zumindest ein ziemlich überflüssiges, denn, Hand auf die Gangschaltung: Wer braucht noch ein weiteres Loser-Road-Movie? Selbst wer noch nie in Nevada war und keine Ahnung hat, was in Reno tatsächlich abgeht, hat eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie es hier aussehen muss: den endlosen Asphalt der Interstate, die staubigen Parkplätze neben einstöckigen Schuhkartonhäusern, dünner Kaffee aus kugeligen Glaskannen, eingeschenkt von einer Kellnerin, die wahlweise verbiestert ist oder ein tapferes Lächeln übrig hat ... Das hat man auf der Kinoleinwand oder vor dem geistigen Auge doch schon dutzende Male gesehen.
Nun ist "Motel Life" in gewisser Weise tatsächlich ein furchtbares Buch. Es ist sogar so furchtbar, dass sich die Komik der völlig bizarren Eingangssequenz bald wieder verflüchtigt und ungläubigem Entsetzen weicht: Zuerst durchschlägt "eine Art Ente" das Motelzimmerfenster, und der völlig besoffene Frank ist gerade noch in der Lage, den Vogel wieder aus dem Fenster zu werfen; und dann steht wenige Stunden später in dem mittlerweile natürlich kleschkalten Kabuff sein heulender Bruder in Unterhosen vor ihm, worauf Frank erst mal aus dem Bett in sein Hemd kotzt: ",Gut, dass ich nicht kotzen muss, wenn ich Kotze sehe.' ,Finde ich auch', sagte ich und versuchte ein Grinsen."
Grinsen muss vielleicht auch der Leser, wenn er erfährt, dass die Hose von Jerry Lee von dessen wütender Freundin abgefackelt wurde. Aber spätestens wenn der völlig verzweifelte Jerry Lee erzählt, wie er einen kleinen Buben totgefahren und hernach Fahrerflucht begangen hat, verflüchtigt sich dieses Grinsen schnell wieder. Kurz nach dem Besuch bei seinem Bruder wird sich der von Schuld übermannte Jerry Lee in sein kaputtes Bein schießen – der Unterschenkel ist bei einem Eisenbahnunfall abgetrennt worden.

Das Unglück, jeden Tag werden die Menschen damit geschlagen. Auf kaum etwas anderes kann man sich so sicher verlassen", meint der Ich-Erzähler. Man kann sich darauf verlassen, jedenfalls in diesem Roman. Er wird nicht gut ausgehen, aber man merkt ihm auch an, dass es sein Autor gerne anders hätte. Frei von selbstgefälligem Fatalismus, der ein über die Figuren verhängtes Schicksal exekutiert, hat er seine Protagonisten mit einer schon ans Märchenhafte grenzenden Fürsorglichkeit füreinander ausgestattet, die auch durch die widrigsten Umstände nicht zu erschüttern ist; ob es sich nun um die Flannigans, um deren väterlichen Freund Earl, um Franks von ihrer Mutter zur Prostitution gezwungene Exfreundin oder einen Kumpel handelt, der beim Boxkampf (Tyson gegen Holyfield) auf den krassen Außenseiter setzt, den entsprechend hohen Gewinn aber sofort beim Blackjack verzockt. Es ist herzergreifend, wie Frank sich um seinen Bruder kümmert, ihm Eis ins Krankenhaus bringt oder ihm groteske Gute-Nacht-Geschichten erzählt, in denen Jerry Lee als abgeschossener Jagdpilot im Zweiten Weltkrieg Eisbären umbringt und bildhübsche nackte Mädchen vor ihren koksschnupfenden kinderschänderischen Vätern rettet.
"Wir sind Typen, die Scheiße bauen, Frank, also müssen wir mit Menschen zusammen sein, die Scheiße bauen. Ich finde das ganz logisch. Aber das sind doch deshalb keine schlechten Menschen, oder?" Die Antwort, die Willy Vlautin gibt, fällt eindeutig aus. Wenn sie so gut geschrieben sind wie "Motel Life", kann man auch Romanen mit eindeutiger Botschaft wieder etwas abgewinnen.

Klaus Nüchtern in FALTER 24/2008



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×