Lookout Mountain,Lookout Sea

Silver Jews


Glücksmomente

Genau 15 Jahre sind vergangen, seit Will Oldham sein erstes Palace-Brothers-Album veröffentlicht hat. Dass er ein ganz großer Singer/Songwriter ist, war bereits 1993 klar; dass der amerikanische Todescountry-Waldschratt die Düsternis dereinst hinter sich lassen und zu berückender Schönheit finden würde, schien dagegen nur schwer vorstellbar. Genau das ist in all den ungemein produktiv verlaufenen und von unterschiedlichen Künstlerpseudonymen und Kooperationen geprägten Jahren aber geschehen: Oldham respektive Bonnie "Prince" Billy kann es sich längst auch einmal eine Albenlänge auf der sonnigen Veranda im Schaukelstuhl bequem machen, ohne seine Stellung als enigmatischer Ausnahmebarde zwischen Country, Folk und einer Ahnung von Soul einzubüßen. "Lie Down in the Light" (Domino/Hoanzl) ist der beste Beweis dafür: Das Glück wird hier in teils sehr reduzierten, teils auch großzügig arrangierten Liedern nicht nur gesucht, sondern auch gefunden – ganz ohne Kitsch und Gesülze, versteht sich.Mit Glücksmomenten reich gesegnet ist auch "Lookout Mountain, Lookout Sea" (Drag City/Trost), das neue Album der Silver Jews, einer in den frühen Neunzigern im Umfeld von Pavement bekannt gewordenen US-Indie-Band um das Ehepaar David und Cassie Berman. Über eine gute halbe Stunde entfalten sich hier zehn geradezu infizierend melodische und äußerst lässig dahingaloppierende Songs, die schon mehr Country als Indierock sind, dabei aber selbst die Herzen gestandener Countryverächter erweichen sollten.Agieren die Silver Jews nach dem Motto "Let the sunshine in!", so zieht sich die amerikanische Singer/Songwriterin Joan Wasser, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Joan As Police Woman, am Beginn ihres – wiederum sehr gelungenen – zweiten Albums "To Survive" (Pias/Edel) in den verrauchten Kellerclub zurück. Piano, Beserlschlagzeug und Intimität dominieren, dazu kommt Wassers eindringliche Stimme, irgendwo zwischen Kate Bush und Cat Power. Später wagt die Polizeifrau auch das eine oder andere Tänzchen; sie forciert zusehends das Tempo und lässt den skeptisch-hymnischen Schlusssong "To America" gar in der ausgelassenen Euphorie explodierender Feuerwerkskörper münden.

Gerhard Stöger in FALTER 24/2008



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