Nah und fern


Der Bassdrum-Karajan

Techno brummt, auf allen Frequenzen. Dass das alle paar Jahre wieder auch im Feuilleton ankommt, liegt an Wolfgang Voigt, dessen Platten die elektronische Tanzmusik von der Aura schnell wieder vergessener Clubmusik befreit. Momentan ist es mal wieder so weit. Von der Neuen Zürcher Zeitung und der taz abwärts wurden der Wiederveröffentlichung seines prestigeträchtigen 90er-Jahre-Projekts "Gas" in einem Box-Set umfangreiche Analysen gewidmet. Längst wird aber auch über die Frisur des Techno-Dandys geschrieben und nach Einflüssen für sein exaltiertes Auftreten gesucht – Warhol? Karajan? Joop? Und im Interview mit Spiegel Online durfte der Sounddesigner, der schon Zuschreibungen wie "Lagerfeld des Techno" erfahren hat, klarstellen: "Ich bin nicht die Madonna des Techno."
Voigt fungiert nicht von ungefähr als Aushängeschild einer Musikrichtung, die Außenstehenden oft unübersichtlich und anonym erscheint. Zunächst gehört er zu ihren Besten und hat als versatiler Produzent eine ungewöhnlich vielschichtige Diskografie vorzuweisen, die von hartem Acid über minimalistische Rhythmusschleifen bis zu verspielten Popstücken und solchen mit Bezügen auf die deutsche Musikgeschichte von Richard Wagner bis Reinhard Mey reicht. Seine Vielseitigkeit drückt sich auch in seinen zahlreichen Pseudonymen aus. Als Mike Ink reüssierte er in den frühen 90ern, als Love Inc. veröffentlichte er 1996 das Album "Life's a Gas", auf dem er Samples und Zitate aus seinen Lieblingssongs von Roxy Music, T.Rex oder Kraftwerk zu neuen Stücken verdichtete. Unter den Namen Studio 1 und Freiland zelebrierte er Monotonie. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs: Die Internetplattform discogs.com verzeichnet insgesamt 32 Pseudonyme. "Ich habe sie nie gezählt", sagt Voigt, der dem Falter sein gefühltes 101. Interview in den letzten Monaten gibt.
Was den Kölner, abgesehen von seiner Rastlosigkeit und vom Könnertum, noch von seinesgleichen unterscheidet, sind sein musikalischer Hintergrund und sein Sinn für das Erkennen und Konstruieren von teils überraschenden Zusammenhängen. Geboren 1961, ist er im Gegensatz zu vielen jüngeren Kollegen nicht schon mit Techno aufgewachsen. "Ich hatte eine lange, einflussreiche Reise durch die Musikgeschichte hinter mir, bevor ich bei Techno ankam", erzählt er. "Sie ging vom Glamrock der 70er über Pop, Jazz, Klassik, Punk, Disco bis zu New Wave und Acid." In den 80ern spielte er noch Schlagzeug in einer Band. Den Anspruch, annähernd so gute Musik wie seine englischen Lieblingsgruppen Scritti Politti oder ABC zu machen, konnte er allerdings nicht einlösen. Dass es für ihn als Deutschen lediglich zum Nachspielen bzw. Nachempfinden angloamerikanischer Popsongs reichen sollte, empfand er irgendwann als frustrierend.
So keimte in Voigt der Wunsch, sich verstärkt in der deutschen Musik- und Kulturgeschichte umzuhören. Und er beschloss, sein Aufwachsen in einem von Schlager, Blasmusik oder Liedermachern geprägten Umfeld für seine eigene Musik fruchtbar zu machen. Die Wortarmut von Techno kam ihm insofern zupass, als sich hier mit minimalen Mitteln maximale Wirkung erzeugen ließ. Für das Dom-Stück "Fackeln im Sturm" griff er lediglich ein paar Verse aus Juliane Werdings "Am Tag, als Conny Kramer starb" heraus und goss sie in einen glamourösen Technoschlager um. Als Grungerman veröffentlichte er das knarzende "In Tyrannis", das seine düstere Atmosphäre von Ausschnitten aus Reinhard Meys Gefängnis-Blues "In Tyrannis – Von Wand zu Wand sind es vier Schritte" bezieht. Hinter Zitaten dieser Art steht keineswegs Ironie oder der Wunsch, ein paar Dis­tinktionspluspunkte einzusammeln: Auch wenn es in seiner Musik durchaus mal zünftig zugehen kann – wie etwa eine Humpta-Maxisingle mit dem Titel "Oktoberfest" beweist –, war und ist es Voigt mit allem, was er tut, sehr ernst.
Als seine Meisterstücke haben sich die vier wortlosen Werke erwiesen, die er in den ausgehenden 90ern unter dem Namen Gas veröffentlicht hat: "Gas" (1996), "Zauberberg" (1997), "Königsforst" (1999) und "Pop" (2000). Nachdem das Label Mille Plateaux, auf dem sie damals erschienen, zusperren musste und die Platten in Second-Hand-Shops im Internet inzwischen um gut und gerne 50 Euro gehandelt werden, war die Zeit reif für eine Wiederveröffentlichung und Neubegutachtung. Gerade ist das Gas-Werk unter dem Titel "Nah und fern" gesammelt in einer 4-CD-Schachtel auf Voigts Label Kompakt erschienen. Dazu hat die Edition Raster-Noton noch ein Buch mit seinen Kunstfotografien sowie einer beiliegenden CD mit bislang unveröffentlichten Vorstufen zu Gas herausgebracht, die bis in die späten 80er zurückreichen.
Gas führt vor Ohren, wozu Techno fähig ist und wie weit man die geradeaus marschierende Basstrommel als sein prägendes Element von ihrer üblichen Funktion als Bumm-Bumm-Motor für die Party entfremden kann. Hornklänge aus Werken von Wagner und Schönberg dienten Voigt als Grundlage. Durch verschiedene Loop- und Verfremdungstechniken formte er sie zu so noch nicht gehörten, mächtigen Klanggebilden, die sonisch tatsächlich die Definition von gasförmig erfüllen: "Ein Gas füllt den zur Verfügung stehenden Raum vollständig aus." Damit will sich Voigt nicht in einen Klassik- oder Neue-Musik-Diskurs einschreiben, Gas versteht er mehr als Zitatpop mit ungewöhnlichen Mitteln: "Ich habe mich insofern intensiv mit den Quellen auseinandergesetzt, als ich diese und ähnliche Musik schon immer sehr gerne gehört habe. Ich besitze aber keineswegs ein spezifisches Fachwissen zu diesem Thema. Gereizt hat mich an dieser vermeintlich inkompatiblen Musik, ähnlich wie zum Beispiel an Schlager oder Blasmusik auch, sie in einen pop- bzw. subkulturtauglichen Discokontext zu bringen."

Als würde es nicht schon über genug kontroversielles Potenzial verfügen, wenn ein deutscher Technoproduzent Wagner sampelt, toppte Voigt das noch mit den Gas-Albumcovers. Für das Artwork verwendete er ausschließlich Waldsujets, die er bei seinen Streifzügen durch den vor den Toren Kölns gelegenen Königsforst geknipst hatte. So brachte er auch noch den deutschen Wald als mythenreichen Topos ins Spiel, der von den Brüdern Grimm über Schönberg bis zu Anselm Kiefer auf alle Künste stets eine große Anziehungskraft ausübte.
Ähnlich wie Kraftwerk gelang es ihm mit Gas, ein musikalisches Gesamtkunstwerk zu erschaffen, das sich seiner deutschen Herkunft nicht schämt, sondern diese im Gegenteil als Qualitätsmerkmal "Made in Germany" herausstreicht. Vereinzelte Nationalismusvorwürfe wusste er schon Ende der 90er nachdrücklich zu entkräften: "Bei meiner lupenreinen linken Geschichte ist das selbstverständlich völliger Unsinn. Im Übrigen ist es gar nichts Neues, dass eine bestimmte weinerliche, pseudolinke Ecke in diesem Zusammenhang bei jedem Scheiß auf die Tränendrüse drückt."

Nach der Vollendung des Gas-Zyklus wurde es ruhiger um den Musiker Wolfgang Voigt, stattdessen trat er als findiger Geschäftsmann auf den Plan. Zusammen mit den Weggefährten Michael Mayer und Jürgen Paape baute er die Firma Kompakt auf, die die kreativen Kräfte der Kölner Technoszene im wahrsten Sinne des Wortes unter einem Dach beherbergen sollte. Im Haus Werderstraße 15–19 hat nun nicht nur das Label Kompakt seinen Sitz, hier findet sich auch der gleichnamige Laden, Vertrieb und eine Künstleragentur sowie Studios und Voigts Privatwohnung. Mit Kompakt hat er eine Marke geprägt, die heute weltweit als guter Name für luftigen, poppigen, auch zuhause anhörbaren Techno steht. Und er konnte sich den Traum eines eigenen Wunderlands erfüllen. In Anlehnung an Andy Warhol begreift er Kompakt als seine Factory, vielleicht auch als sein persönliches Neu­schwanstein, in dem er seine Visionen realisieren kann, ohne dazu auf die Straße gehen zu müssen.
Dass er bis in die späten 90er als ein wenig mysteriöser, zurückgezogen lebender Künstler in Erscheinung trat, seither jedoch als redseliger PR-Agent in eigener Sache auftritt und dabei auch optisch eine ziemliche 180-Grad-Drehung vollzogen hat, stellt für den Mann mit den unterschiedlichen Gesichtern kein Problem dar: "Natürlich vertragen sich diese beiden Persönlichkeiten erst mal nicht, und doch bedingen sie sich im Sinne eines wechselseitigen Hochschaukelns. Je besser das eine funktioniert, umso mehr zieht es das andere mit. Der Widerspruch ist eine der größten Konstanten in meinem künstlerischen Leben."
Nun scheint es für Voigt an der Zeit, sich wieder verstärkt um die künstlerische Arbeit zu kümmern. Die Reaktionen, die Gas auch als Wiederveröffentlichung hervorgerufen hat, haben ihn darin bestärkt: "Das große Feedback hat mich überrascht, obwohl ich natürlich wusste, dass viele Leute Gas über all die Jahre gewissermaßen die Treue gehalten und auf ein Revival gewartet haben. In Zeiten großer Schnelllebigkeit in der elektronischen Musik teilen offenbar eine Menge Leute das Bedürfnis nach, sagen wir, etwas mehr Zeitlosigkeit." Ende September wird er sich ausnahmsweise sogar auf eine Bühne begeben, um Gas erstmals live aufzuführen. Ein "klassisches Vortragskonzert" soll es werden, das historische Centraltheater in Leipzig wird den Rahmen bieten. Der Technomann klingt fast schon wie André Heller, wenn er eine "opulente Multimediaschau" ankündigt und verspricht: "Es wird ein Kino der Sinne. Klang- und Bilderrausch pur. Ein Trip durchs Unterholz der Seele, den man so noch nicht gesehen hat."
Unter dem Namen Freiland schießt der Meister jetzt noch eine Maxi mit neuer "Klaviermusik" nach. Für diese Platte hat er sein legendäres Experimental-Label Profan wiederbelebt, das sich seit 2000 im Ruhemodus befand. Eine Vinylseite enthält Bassdrumwummern und schräge Pianoimprovisationen, die eventuell virtuos sind, wahrscheinlich aber auch von Voigts Katze oder einem dreijährigen Neffen stammen könnten. Die B-Seite besteht überhaupt nur aus Solopianospiel fernab gängiger Harmonielehren, allerdings "im Rahmen eines bewusst gewählten mechanischen Korsetts", wie der Schöpfer informiert. "Das ist kein Techno, das ist Klaviermusik. Überhaupt ist Profan Musik für Leute die zuhause Schallplatten hören, ohne zu steppen, zu pitchen oder zu mixen." Aber vielleicht ist es ja doch Techno – für die, die nicht mehr ausgehen wollen.
Ein bisschen väterliche Kritik am allgegenwärtigen Minimal Techno, zu dessen Verbreitung er selbst so viel beigetragen hat, schwingt beim 47-Jährigen mittlerweile auch mit: "Obwohl ich im Zusammenhang mit Techno die Abschaffung kreativitätshemmenden Überbaus immer befürwortet habe, würde ich mir wieder eine stärkere Übersichtlichkeit und gewisse Qualitätsregeln wünschen. Das Dilemma mit Minimal Techno ist heute, dass er sich selbst kannibalisiert und vieles in der Tat sehr einfallslos ist." Nachsatz: "Trotzdem ist und bleibt er, sowohl im Sinne seiner ursprünglichen Erfindung als auch in vielen aktuellen Spielarten, die beste Tanzmusik der Welt." Da hat wieder der Verkäufer Voigt gesprochen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 36/2008



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