Life in Leipzig

Bjornstad Ketil/rypdal Terje


Nordic Emotion

Der Skandinavier, wie wir ihn kennen, gilt ja nicht unbedingt als übermäßig verboser Gefühlsmensch. Drückt man ihm ein Instrument in die Hand, gibt's aber oft kein Halten mehr. Der norwegische Pionier des epischen Gitarrengesangs Terje Rypdal und sein Partner, der Pianist Ketil Børnstad (der übrigens auch ein überaus produktiver Schriftsteller ist), lassen "Life in Leipzig" (ECM/Lotus) ihrem emotionalen Überschwang aber dermaßen freien Lauf, dass es schon als indezent gelten darf.Da dosiert ihr Landsmann Mathias Eick, der schon auf dem letzten Album von Manu Katché sehr gute Figur machte, seine Gefühle doch wesentlich besser. "The Door" (ECM/Lotus) darf durchaus als Spielart eines melancholischen, aber melodieseligen skandinavischen Kirchenjazz gelten, den Drummer Audun Kleive immer wieder zum Grooven bringt. Zwischen übergroßer Verhaltenheit und in langen Haltetönen ausklingenden Crescendi wäre zwar noch ein breites Ausdrucksspektrum zu nutzen, aber wir behalten den jungen Trompeter wohlwollend im Auge.Unter österreichischer Beteiligung (radio.string.quartet.vienna) hat der Gitarrist Ulf Wakenius mit "Love Is Real" (Act) Stücke seines schwedischen Landsmannes Esbjörn Svensson vertont. Nicht gerade ein kühner Wurf, aber doch ein geschmackssicher ausbalanciertes und mit dem Sentiment auch in den Balladen haushaltendes Album. Das sehr kompakte und abwechslungsreich agierende Quartett wird von Gästen wie Nils Landgren oder Till Brönner (als Miles Davis von ca. 1985) begleitet.Wakenius ist wiederum special guest auf "Starke Stücke" (Act) des deutschen Gitarristen Jan Zehrfeld. Dessen Panzerballett schafft es, "Smoke on the Water" ebenso zu covern wie "Wind of Change" der Scorpions und Zawinuls "Birdland": testosterongetriebenes Crossover-Schlaumeiertum, das mindestens ein Jahrzehnt zu spät kommt. File under: bizarre Holzwege der jüngeren Musikgeschichte.

Klaus Nüchtern in FALTER 23/2008



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