Exotic Creatures Of The Deep

Sparks


Wir sind eine Insel

Noch einen Kaffee. Und zahlen, bitte." Die wichtigsten paar Brocken Deutsch hat Russell Mael noch drauf. Anfang der 80er verbrachten er und sein Bruder Ron einige Monate in München und nahmen ein paar Nummern auf in den legendären Arabella-Studios von Giorgio Moroder, wo auch Queen und die Rolling Stones mehrfach arbeiteten.
Mit diesen beiden Bands verbindet Sparks, das Duo der Brüder, freilich nur, dass sie immer noch aktiv sind. Über die aktuellen Aktivitäten von Queen weiß der Sänger zum Glück nichts, über die Stones sagt er: "Bei allem Respekt, man muss sich ihre neuen Platten nicht mehr anhören."
Bei dem Duo, das Russell und Keyboarder Ron Mael seit 38 Jahren bilden, ist das anders. Sparks sind das Salz in der Suppe der Popmusik geblieben, eine erfreuliche ­Kuriosität. Mit Songs wie "This Town Ain't Big Enough for Both of Us", "Number One Song in Heaven" oder "Angst in My Pants" zeichnen sie für einige der seltsameren Hits der letzten drei Dekaden verantwortlich. Sparks-Songs sind überdreht, intelligent witzig, oft angenehm selbstironisch, und sie klingen verspielt wie kleine Welpen.
"Für Amerikaner sind wir wohl untypisch", sagt Russell Mael am Telefon aus Köln, wo er das neue Album "Exotic Creatures of the Deep" bewirbt. "Wir sind anpassbar an verschiedene Kulturen. Als ­Jugendliche in Kalifornien waren wir richtige Strandjungs. Musikalisch hat uns die damals dominierende Singer/Songwriter-Szene im Laurel Canyon aber nur angeödet. Deshalb gingen wir auch nach England und wurden eine Art Glampop-Band."
Inzwischen haben sie ihren Lebensmittelpunkt längst wieder ins sonnige Kalifornien verlegt. Ihre Musik beeinflusse das nicht mehr, glaubt Mael: "Wir sind eine Insel."
Tatsächlich gibt es keine zweite Band, die nach so langer Zeit noch besessen genug für eine Aktion wie "Sparks Spectacular" wäre: Im Sommer haben sie in London ihre bisherigen 20 Studioalben live dargebracht. Jeden Abend wurde eine Platte vom ersten bis zum letzten Ton durchgespielt, zum Abschluss feierte das jetzt auch hier offiziell veröffentlichte 21. Opus seine Premiere.
"Es hat erstaunlich gut funktioniert", so der Sänger, der während der Proben allerdings zu verzweifeln drohte. "All diese Noten wieder lernen zu müssen – ein Albtraum! Als wir beim siebten Album waren, hatte ich das Gefühl, das erste schon wieder zu vergessen."
Erstaunlich an der jüngeren Vergangenheit der Sparks ist auch, wie konsequent sie sich neu erfunden haben. Nachdem sich ihre Liaison mit Eurodance in den 90ern abgenutzt hatte, verschwanden sie für einige Zeit von der Bildfläche. 2002 kehrten sie mit dem fantastischen "Lil' Beethoven" zurück, auf dem sie dem Popsong Adieu sagten und bizarre, aber ziemlich fesselnde Artpop-Suiten zum Besten gaben. Für diese Platte und den Nachfolger "Hello Young Lovers" heimsten sie einige ihrer besten Kritiken überhaupt ein.
"Wir haben immer noch diese Leidenschaft in uns", erklärt Russell Mael die Spark'sche Experimentierlust. "Normalerweise werden Bands mit der Zeit faul, vielleicht auch nur weicher. Bei uns ist das Gegenteil der Fall. Unser Antrieb ist: Was wir jetzt machen, soll das Frühwerk nicht brauchen, es muss für sich stehen können. Und es soll abenteuerlich klingen."
Auf "Exotic Creatures …" unternehmen der Frontman und sein
bizarrer Bruder, der früher durch einen Schnurrbart Modell Hitler auffiel ("wobei wir mehr an Chaplin dachten") und heute die Rolle des schrulligen Professors einnimmt, einen neuen Ausflug in die Popwelt.
Die Songs schließen an die repetitiven Strukturen der letzten beiden Werke an, meist aber wieder als einprägsame Songs. Darunter finden sich Kleinode wie "Let the Monkey Drive", in dem ein Pärchen einen Affen sein Auto steuern lässt, um auf dem Rücksitz zur Sache kommen zu können; oder das überkandidelte "Lighten Up, Morrissey", das weniger den Ex-Smiths-Sänger auf die Schaufel nimmt als dessen Hardcore-Fans, die seiner Ernsthaftigkeit nacheifern.
Früher sangen Sparks über das ­Sozialleben des jungen Einstein, verhandelten imaginäre Begegnungen mit Madonna oder brachten den Blues darüber zum Ausdruck, wenn Unterhaltungsgeräte ohne Batterien aus­geliefert werden.
Das Generalthema der neuen Platte kommt dann doch überraschend: "Es ist ein Album über Liebeslieder. Wir hassen Sänger, die einem vorheulen, wie gerade ihre letzte Beziehung in die Brüche gegangen ist. Wir wollten zeigen, dass man immer noch auf originelle Art darüber singen kann." Auch wenn ein Liebeslied à la Sparks bisweilen nur die Antithese zu allen anderen Lovesongs darstellt: "I Can't Believe That You Would Fall for All the Crap in This Song".
"Hey", schmunzelt Russell Mael, "im Gegensatz zu vielen Bands, die das von sich behaupten, sind wir wenigstens wirklich ehrlich."

Sebastian Fasthuber in FALTER 42/2008



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