The Slider In Advance

Folklabor


Ösis im Folklabor

An markanten Trends ist das Popjahr 2008 bislang eher arm. Auffällig ist aber, wie viel tolle Musik in den letzten Monaten aus dem österreichischen Musikunderground gekommen ist; mit Gustavs "Verlass die Stadt" und Florian Horwaths "Sleepyhead" finden sich darunter auch schon zwei potenzielle Platten des Jahres.
Ihr Debüt legen Francis International Airport vor; mit "We Are Jealous. We Are Glass" (Siluh/Hoanzl) ist dem Quintett aus St. Pölten ein echtes Indie-Schmuckstück gelungen. Geprägt von konzentrierter Zurückhaltung und Verdichtung bleibt der Tritt aufs Verzerrpedal aus, stattdessen darf auch mal ein Beat aus der Steckdose die Klangfarbe bereichern. Dominant bleibt emotionsgeladener Gitarrenpop, der um den Zusammenhang von "Leidenschaft" und "Leiden" zwar Bescheid weiß, auf die genreimmanente Weinerlichkeit aber verzichtet und melancholische Passagen selbstsicher mit beseeltem Jubilieren verbindet.Einen ganz eigenen Musikkosmos hat sich Tanja Frinta alias Lonely Drifter Karen erarbeitet. Die nach einer Zwischenstation in Schweden mittlerweile in Spanien gelandete Wienerin, die früher bei den sanftmütigen Riot Grrrls Holly May gesungen hat, verarbeitet ihre Leidenschaft für alte Musical­melodien und Cabaret-Lieder auf "Grass Is Singing" (Crammed Discs/Lotus) zu farbenprächtigen Folk-Pop-Songs. Verträumt und doch stets hellwach gesungen, evozieren diese im Trio mit dem spanischen Pianisten Marc Meliá Sobrevias und dem italienischen Schlagzeuger Giorgio Menossi detailgenau ausformulierten Lieder die Bilder vergilbter alter Märchenfilme im Super-8-Format. Würden die Dresden Dolls auf der Blumenwiese tanzen, anstatt die Schattenwelt zu suchen, würden sie eventuell so ähnlich klingen.Eigen und toll ist auch "The Slider In Advance" (Angelika Köhlermann/Hoanzl) von Philipp Mold (Stimme, Gitarre, Perkussion, Elektronik) und Maria Augustin (Stimme, Querflöte) alias Folklabor. Der Bandname könnte passender nicht gewählt sein, das Duo spielt eine elektronisch unterstützte Form krautigen Folks, der aus dem Labor aber längst ausgebüchst ist und leichtfüßig über die Bühne des zeitgenössischen Singer/Songwritertums tänzelt.

Gerhard Stöger in FALTER 22/2008



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