Anywhere I Lay My Head

Scarlett Johansson


Eine Fee auf Hustensaft

Musizierende Schauspieler können eine Pein sein. Wer nicht das Glück hatte, die selbstverliebten Versuche in Gitarrenrock von Mimen wie Jared Leto oder Russell Crowe zu versäumen, muss der Paarung Hollywood und Musik eher skeptisch gegenüberstehen. Die junge Starriege agiert jedoch weit lässiger und geschmackssicherer. "Darjeeling Limited"-Darsteller Jason Schwartzman etwa hat als Exdrummer der Indiepopper Phantom Planet die schwer in Ordnung gehende "O.C."-Serienmelodie "California" mitgeschrieben und inzwischen mit Coconut Records ein exquisites Soloprojekt am Laufen, bei dem die Musik der Star ist.
Jetzt tritt Scarlett Johansson an, um zu beweisen, dass auch blonde Versuchungen sangestechnisch nicht zwangsläufig in die Klischeefalle vom piepsenden Dummchen tappen müssen. Apropos Gesang: Einige Kritiker haben sich nicht entblödet, zu ihrem Debüt "Anywhere I Lay My Head" anzumerken, die Frau könne gar nicht singen. Nun: So nicht singen können wie Scarlett würde man gern! Es ist mehr ein entrücktes Erzählen als richtiger Gesang, was da aus ihrem Mund kommt. Ihre Sprechstimme entpuppt sich dabei als überraschend tief. Sie klingt ein bisschen wie die tragische Popgöttin Nico, allerdings ohne deren eiskaltes Pathos, eher nach einer erfrischenden Sommerbrise.
"Eine Fee auf Hustensaft", so wollte Dave Sitek die Johansson hören. Der Mann ist Mitglied der New Yorker Artrock-Band TV On The Radio und einer der angesagtesten Produzenten derzeit, wenn es darum geht, in der Popwelt Hipness zu signalisieren (David Bowie liebt ihn und singt auch bei zwei Songs Background-Vocals). Sitek wurde Johansson empfohlen, als diese in ihrem Umfeld den auf den ersten Blick ungewöhnlichen Wunsch äußerte, Songs von Tom Waits zu singen.
Der Poltergeist unter den US-Poeten und die Marilyn von heute – das scheint eine seltsame Paarung zu sein. Doch geht es Johansson bei dem Projekt gar nicht um Authentizität dem Originalmaterial gegenüber. Ihre Versionen der Waits-Klassiker "Town with No Cheer" oder "I Wish I Was in New Orleans" schmecken überhaupt nicht nach Whiskeybars voller Trailerpark-People, und sie flirtet auch weder mit des Meisters hörerfreundlichem Pianostil noch mit seinen Trommeleskapaden, sondern krempelt seine Songs lieber radikal um. Zum Glück sind sie ja von universeller Gültigkeit und dadurch sehr biegsam.
Ohne ihnen zu nahe treten zu wollen, machen die Neosängerin und ihr Produzent im Prinzip etwas Ähnliches wie vor einigen Jahren Wolfgang Ambros und Christian Kolonovits auf ihrem wienerischen Waits-Album "Nach mir die Sintflut": Sie übertragen die Songs auf ihre eigenen Maßstäbe, in ihre Welt. Hier waren es der altbekannte Austropopsound und die Wildnis der Vorstadt, da ist es ein mit viel Hall gepolsterter Wall of Sound aus bekiffter Elektronik, Psychedelik und Banjos – und eine Interpretin, die im schwerelosen Zustand über Amerikas Highways schwebt.

Zur Einstimmung für die Aufnahmen tuckerten Johansson und Sitek im Auto quer durch die USA. "Anywhere I Lay My Head" klingt denn auch nach Unterwegssein, nach Offenheit und spontaner Lust am Musikmachen. In aktuellen Interviews sagt Scarlett Johansson, sie wisse nicht, ob sie noch einmal eine Platte aufnehmen wird. Sie wollte einfach Waits singen und "ein Album machen, für das ich selbst gern 16 Dollar ausgeben würde". Ein schöner Vorsatz, nicht nur für eine musikbegeisterte Schauspielerin, die offenbar dringend Urlaub von LA brauchte.

Sebastian Fasthuber in FALTER 21/2008



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