Boustrophedon

Parker Evan Electro-acoustic Ensemble


Britjazz

Im Unterschied zum Britpop hat es der Jazz von der Insel nicht wirklich geschafft, zur Trademark zu werden. Dabei gäbe es – neben längst internationalisierten Größen wie John McLaughlin oder Dave Holland – natürlich genug stilistisch eigenständige Tendenzen. Der Reedsplayer John Surman hat übrigens mit beiden zusammengespielt und eine Reihe von grenzgängerischen und genreübergreifenden Projekten verfolgt. "Rain on the Window" (ECM/Lotus) muss allerdings zu den weniger geglückten gezählt werden. Die Duos mit dem Organisten Howard Moody pendeln unentschlossen zwischen Folklore, Anleihen bei der Alten Musik, Jazz und haltlosem Kitsch und haben als größten Reiz die Akus­tik einer Kirche im Osloer Bezirk Ullern zu bieten.
Surmans ebenfalls 1944 geborener Landsmann Evan Parker ist seit Jahrzehnten ein Fixstern der europäischen Avantgardejazzszene. Vor vier Jahren realisierte er in der Münchner Muffathalle das nun veröffentlichte "Boustrophedon (in Six Furrows)" (ECM/Lotus) – das Pendant zu Roscoe Mitchells großartigem "Composition/Improvisation Nos. 1, 2 & 3". Parkers Arbeit mit The Transatlantic Art Ensemble ist spröder als die des Amerikaners, billigt den Streichinstrumenten (neben doppelt besetztem Bass: Violine, Viola und Cello) eine tragende Rolle zu und bringt das 14-köpfige Ensemble nur sehr gezielt als "Bigband" zum Einsatz, wenn in dem kammermusikalischen und solistischen Kontext mal eine Prise Ekstase angesagt ist.
Der Kontrast zum Tapestry Orches­tra des Pianisten Keith Tippett könnte größer kaum sein. Tippett kann als Inkarnation des Britjazz gelten – weniger seiner an Cpt. James Onedin gemahnenden Schläfenbärte wegen, sondern weil er fast an allen wesentlichen Strömungen teilhatte: jazzaffiner Progrock, Freie Improvisation, (beides verknüpft im Monsterorches­ter Centipede), Kontakt zu den in London lebenden südafrikanischen Exilmusikern. In dem 80-minütigen Mitschnitt "Live at Le Mans" (2 CDs, Redeye­music/Import) werden die 21 Musiker gleich zu Beginn zur ausgelassenen Inbrunst eines Gospel-Gottesdiensts getrieben, sodass man über die anschließende (kurze) Zurücknahme ganz froh ist. Ansonsten aber herrscht, von elegischen Interludien (Julie Tippetts herbschöner Alt!) abgesehen, eher großes Hallo.

Klaus Nüchtern in FALTER 20/2008



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×