Verlass Die Stadt

Gustav


Raus aus dem System!

Frau Gustav ist wieder da. Nicht, dass sie je wirklich weg gewesen wäre, aber Eva Jantschitsch, die eigensinnige Sängerin, Multiinstrumentalistin und Produzentin hinter Gustav, hat es nach dem großen Erfolg ihres 2004 erschienenen Debütalbums "Rettet die Wale" vorgezogen, eher abseits der Popbühne zu agieren. Die 28-jährige Wienerin arbeitete für Film- und Theaterproduktionen, versorgte die Satiregruppe maschek mit Musik, betrieb vorübergehend das feministische Akkordeon-Duo Agenda Lobkov und wirkte zuletzt an der queeren Burlesque "Orlanding the Dominant" im brut-Theater mit.

"Ich wollte der Verwertungslogik des Musikgeschäfts nicht entsprechen", sagt Jantschitsch. "Vorübergehend habe ich sogar daran gezweifelt, ob ich Gustav überhaupt in dieser Form weiterbetreiben will." Die Zweifel sind verflogen, Mitte Mai erscheint das zweite Gustav-Album "Verlass die Stadt". Davor spielt Jantschitsch am 25. April beim Kremser Donaufestival ein exklusives Konzert mit der Trachtenkapelle Dürnstein.

Falter: In wenigen Tagen stehen Sie gemeinsam mit der Trachtenkapelle Dürnstein auf der Bühne. Haben Sie sich schon ein Dirndlkleid besorgt?

Eva Jantschitsch: Nein. Ich habe lange überlegt, wie ich mit diesem Trachtenkapellenmythos umgehen soll, und bin inzwischen auf eine gute Lösung gekommen, die ich aber noch nicht verraten kann. Es wird ein kleines Detail sein, das eine Tracht oder eine Anpassung simuliert.

Die Trachtenkapelle ist auch auf einem Lied Ihres neuen Albums zu hören. Wie haben die auf Ihre Arbeit reagiert?

Erstaunlich positiv. Inhaltlich haben sie vermutlich weniger damit anfangen können, trotzdem zeigen sie ein starkes Interesse an unserem gemeinsamen Konzertprojekt. Es ist nicht ganz klar, was es ist, aber es scheint ihnen doch wichtig genug zu sein, dass sie sich da reinarbeiten.

Sie stehen dann wirklich mit drei Dutzend Musikanten auf der Bühne?

Nein, das Ensemble wird aus zwei Gründen abgespeckt sein. Durch die Akustik des Raumes müssen wir aufpassen, dass die Bläser nicht zu dominant werden, außerdem spielt am selben Abend die Militärkapelle, was viele Mitglieder der Trachtenkapelle abzieht.

Im Zweifelsfall kommt die Kunst nach dem Militär?

Das sind alte Traditionen, mit denen man schwer brechen kann.

Im Lied "Alles renkt sich wieder ein", das Sie gemeinsam mit der Kapelle aufgenommen haben, heißt es: "Mach aus den Städten Schutt und Asche / Ich will nie wieder Sonnenschein / Ein Menschenleben weg genügt nicht / Es müssen Gottesleben sein." Wie kommt es, dass so eine nette junge Frau so böse Lieder singt?

Das kommt daher, dass in jedem Menschen Abgründe verborgen sind, ganz egal, wie nett er wirkt. Ich wollte ein möglichst drastisches Stimmungsbild zeichnen, das einen sofortigen emotionalen Bezug herstellt. Ähnlich visuell umgesetzten biblischen Motiven, die einen, leicht abstrahiert, mit unglaublichen Gewaltentwürfen konfrontieren.

Erstmals öffentlich aufgeführt haben Sie dieses Lied bei der Verleihung des österreichischen Musikpreises Amadeus, wo Sie als "FM4 Alternative Act des Jahres 2005" ausgezeichnet wurden. Ihre irritierende Dankesrede hat sich auf das Tocotronic-Ziat "Aber hier leben, nein danke" beschränkt. Warum haben Sie den Preis damals nicht gleich abgelehnt?

Dieser Amadeus war ein Publikumspreis, und diesen Zuspruch weiß ich zu schätzen – egal, wie widerständig meine Haltung in diesem Kontext ansonsten sein mag. Ich hatte verschiedene Dankesreden vorbereitet, aber dann ist mir dieser Slogan eingefallen, der zu dieser Zeit sehr populär war. "Aber hier leben, nein danke" erzählt schnell und in der Sprache der FM4-Hörerschaft, was ich meine und was ich nicht will.

Haben die positiven oder die negativen Reaktionen überwogen?

In Österreich eher die negativen, aber das ist ja auch okay, das kann ich schon einstecken.

Was haben Sie mit der Amadeus-Statue gemacht?

Die liegt noch in der Originalverpackung in meinem Bücherregal.

Ihr Debüt "Rettet die Wale" wurde im Feuilleton euphorisch wahrgenommen. Seitdem wird Gustav zum Spannendsten gezählt, was die österreichische Popmusik der Nullerjahre hervorgebracht hat. Freut oder belastet Sie diese Ausnahmestellung?

Es ist schön, sichtbar zu sein und dadurch vielleicht auch etwas zu bewirken. Ich mache ja Musik, um zu kommunizieren. Während in klassischen Plattenkritiken beurteilt wird, findet im Feuilleton eine inhaltliche Auseinandersetzung statt. Das ist ungleich befriedigender, weil es mir immer mehr um den Diskurs als um das Produkt an sich geht.

In der alternativen Musikszene sind Sie ein Star. Aber was genau heißt das? Können Sie davon leben, Gustav zu sein?

Glücklicherweise ja. Zusätzlich zum Gustav-Sein habe ich vor einigen Jahren begonnen, Musik für Theater- und Filmprojekte zu machen. Das ist zu meinem zweiten Standbein geworden, aber wenn ich zwei bis drei Gustav-Solokonzerte im Monat spiele, kann ich auch ausschließlich davon leben.

Sie haben Gustav einmal als Idealbild von sich selbst als guter, spannender Person beschrieben. Verändert das Geschöpf Gustav die real existierende Eva Jantschitsch?

Ja, definitiv. Diese auf gewissen Grundsätzen und Idealen basierende Figur hat mich stark in der Art beeinflusst, wie, mit wem und unter welchen Bedingungen ich arbeite. Sie zwingt mich zu einer kritischen Haltung gegenüber Vereinnahmungsversuchen und den Verwertungsmechanismen der Kulturindustrie. Aber auch Gustav befindet sich in einer Transformation und lässt heute teils Dinge zu, die noch vor drei Jahren undenkbar gewesen wären – gemeinsam mit einer Trachtenkapelle auf der Bühne zu stehen etwa.

Macht das im Namen festgeschriebene Spiel mit der Geschlechteridentität bei steigender Bekanntheit noch Sinn?

"Gustav" ist nicht einfach nur ein Name, sondern transportiert nach wie vor viel davon, was ich bin und was ich meine.

Sie wurden in der Vergangenheit mehrmals mit Björk verglichen. Konnten Sie damit etwas anfangen?

Nein, aber wie jede Musikerin, die sich um einen eigenständigen Entwurf bemüht, kann ich mit Vergleichen ohnehin nie viel anfangen. An Björk schätze ich nach wie vor ihre Eigenwilligkeit. Und dass sie zugleich total schräg und massenkompatibel ist, finde ich fantastisch.

Madonna wird heuer fünfzig. Feiern Sie mit?

Ja, sicher. Eine meiner ersten Platten war von Madonna, ihr Lied "Like a Prayer" hat mich unglaublich berührt. Madonna ist immer wieder ein heftig diskutiertes Thema: weil sie ja durchaus auch eine absolut kommerziell durchgeplante Figur ist. Sie hat mit jedem Imagewandel unglaublich viel verdient, insofern war es immer auch eine Strategie, mit jeder Platte einen neuen Frauentypus zu kreieren oder zu thematisieren. Nichtsdestotrotz bin ich aber eher pro Madonna.

Die deutsche TV-Moderatorin und Bestsellerautorin Charlotte Roche hat im "Falter"-Interview kürzlich gemeint, dass es erbärmlich sei, wie sehr sich Madonna gegen das Altern wehre, und dass sie deshalb als feministisches Rolemodel ausscheide.

Dieser Vorwurf ist berechtigt, aber ich fände es dennoch etwas zu kurz gegriffen, Madonna deshalb aus dem Rolemodel-Katalog zu streichen. Darüber hinaus hat auch Charlotte Roche eine Auslegung von Feminismus, die meinem Verständnis nicht wirklich entspricht. Aber das ist schon okay.

Madonnas ewig jugendlicher Körper irritiert Sie nicht?

Ich empfinde in diesem Zusammenhang Courtney Love als spannendes Gegenstück zu Madonna. Sie macht sich durch den Einsatz plastischer Chirurgie ebenfalls permanent jünger, sagt dann in Interviews aber Sätze wie: "Ihr wollt ja eine junge Frau – schaut doch, was ihr aus mir macht!" Sie dreht den Spieß um und sagt: Es sind eure Waffen, die meinen Körper malträtieren.

Sie haben sich einmal als "Postfeministin" bezeichnet. Was genau ist damit gemeint?

Dass ich für die Auflösung der zugeschriebenen Geschlechterrollen bin, wobei der Begriff oft falsch eingebettet wird. Ich würde das also korrigieren und heute sagen: Ich bin Feministin mit einem postfeministischen Anspruch.

Wann hatten Sie Ihr feministisches Coming-out?

Ganz klar ausgesprochen habe ich es ab meinem 22. Lebensjahr, vorher war es eher eine Vermutung, dass es da etwas gibt. Feminismus ist eine Lebenseinstellung, zu der man sich entschließt – eine Brille, durch die man die Welt anders sieht.

Was ist eine feministische Vermutung?

Während der Schulzeit bin ich total in Elfriede Jelinek reingekippt. Ich habe all ihre Bücher gelesen und dann auch in Deutsch über sie maturiert, lustigerweise in Englisch parallel dazu über Charles Bukowski. Ein Geschlechterdualismus, der ärger nicht sein könnte.

Bukowski war das Feindbild?

Nein, ich habe ihn cool gefunden, die sexuelle Gewalt und der Exzess haben mich total fasziniert; im Gegensatz dazu aber auch die Entlarvung genau dieses Männertypus und dieser Sexualität durch Jelinek. Das Bestialische, das ich bei Bukowski lustvoll eingesaugt habe, wurde von Jelinek super analysiert. Und ich finde nach wie vor, dass Bukowski ein super Autor ist.

Das heißt jetzt aber nicht: in der Theorie Jelinek, in der Praxis Bukowski?

Ich lebe kein Bukowski-Leben, dazu bin ich viel zu diszipliniert. Und ich glaube auch nicht an den Exzess als kreative Triebfeder.

Sie arbeiten ausschließlich diszipliniert und in nüchternem Zustand?

Verdammte Scheiße, ja! Aber ich bin an Maschinen angebunden, das erfordert einfach Wachsamkeit. Ich war nie jemand, der sich künstlerisch gehenließ, ich habe immer mehr gedacht.

Ihre neue Platte heißt "Verlass die Stadt". Träumen Sie von einem beschaulichen Leben auf dem Land?

Manchmal schon, aber hinter dem Titel steckt eher die Sehnsucht danach, den Computer ausschalten zu können. Die Stadt ist für mich die Metapher für das System, in dem wir alle verflochten sind. Das Titelstück handelt auch von den Banlieues und dieser tristen Architektur, die ein gutes Leben unmöglich macht, die Menschen isoliert und ihnen jegliche Perspektive nimmt. Deshalb: Raus, raus, raus aus dem System!

Zu Ihrer ersten CD erklärten Sie: "Ich mache keine Protestsongs, sehr wohl aber politische Musik." Wie kommt es, dass Sie an etwas anknüpfen, das man schon in den Achtzigern in Zweifel gezogen hat – Pop als subversives Medium?

Ich glaube, dass sich sehr viele Leute mit denselben Themen auseinandersetzen wie ich. Das Musikbusiness schreckt sie aber so sehr ab, sodass sie sich dieser Form von Öffentlichkeit ganz bewusst verweigern.

Der widerständige Pop taucht heute also nicht mehr in der Hitparade auf, sondern versteckt sich auf MySpace?

Ich denke schon. Im Web 2.0 liegt die Revolution! Nein, das tut sie natürlich nicht, aber da geht viel ab, und es bedarf einfach individueller Recherche.

Welche Rolle hat Popmusik in Ihrer persönlichen Sozialisation gespielt?

Mit 16 bin ich in Ton Steine Scherben reingekippt, aber ich hatte nie dieses nerdige Popwissen, das viele andere in diesem Alter entwickeln. Ich habe genommen, was mir von Freundinnen empfohlen wurde, und bei Ton Steine Scherben habe ich erstmals gespürt: Da gibt es etwas, das meinen Gefühlen Ausdruck verleiht, etwas, wo ich mich mit meiner Wut und meinem Frust emotional anhängen kann.

In Ihren Songtexten haben Sie eine ganze spezielle Sprache entwickelt, politische Inhalte poetisch zu verpacken. Ist das Textschreiben für Sie auch ein Verrätselungsprozess?

Das Formulieren von Texten ist analytische Arbeit. Ich gehe sehr stark cut-up-mäßig vor, weiß aber ab einem gewissen Moment, dass ich dies und jenes thematisieren muss. Die Dinge verhalten sich ja nicht einfach zueinander, jedes Wort braucht einen Kontext, jede Parole braucht ein Bett. Ein Text kommt nur sehr selten gleich so heraus, wie ich ihn schlussendlich singe. Dabei ist es eigentlich ganz einfach, Popsongs zu schreiben, die sofort ins Ohr gehen. Aber genau darauf möchte ich mich nicht verlassen, denn das wäre zu einfach. Ich mache schon Popmusik, aber ich arbeite durchaus bewusst gegen die Gefälligkeit.

Warum scheuen Sie Auftritte bei größeren Festivals?

2005 habe ich einen Auftritt beim Jazzfest Wiesen kurzfristig abgesagt, weil ich unmittelbar nach der Amadeus-Geschichte gemerkt habe, dass das einfach nicht zusammengehen würde, mit einer Bierwerbung im Rücken "We Shall overcome" zu singen. Ich mag es nach wie vor nicht, dem Druck der großen Bühne entsprechen zu müssen.

Würden Sie beim Donauinselfest auftreten?

Nein. Ich würde auch beim ÖVP-Stadtfest nicht auftreten, obwohl ich schon einmal dazu eingeladen war. Damals dachte ich mir, ich fordere einfach eine völlig illusorische Gage im hohen vierstelligen Eurobereich, sodass die einfach sagen müssen: "Spinnt die Alte?" Tatsächlich lautete ihre Antwort aber: "Ja, okay, bitte um Zusage." Dann musste ich ihnen doch erklären, dass Gustav keine derartigen Konzerte macht. Es hätte natürlich noch die edlere Variante gegeben, die Kohle zu nehmen und zu verteilen, aber ich schütze da ja auch mein Projekt. Ich möchte weiterhin ernstgenommen werden – und mich auch selbst noch ernst nehmen.

Woher kommt Ihre Liebe zum Schlager?

Ich habe ein Faible für kitschige Bilder. Heimatfilme etwa, diese Blau-Grün-Töne sprechen mich unglaublich an. Das gilt auch für ein bestimmtes Klangbild. Vom Schlager der Fünfziger- und Sechzigerjahre kann ich mich sofort tragen lassen. Ich bin ein großer Fan von Caterina Valente, auch die Peter-Alexander-Show habe ich immer geliebt. Der Beruf des Entertainers erscheint mir auf ganz naive Weise als spannend und glamourös. Zum Klang von tausend Geigen und Trompeten kann man sich schön wegträumen, und dazu ist der Schlager ja auch da – dass man sich und den Alltag vergisst. Bei mir funktioniert das noch heute, ich kann da all meine Reflexionsknöpfe sofort abschalten. Ich glaube den Bambis jedes Wort. Der Schlager ist zwar ein einziges Konstrukt, aber ich bin emotional einverstanden – er tröstet mich.

Gleichzeitig zeichnet Sie eine große Lust am Sperrigen aus. Wie passt das zusammen?

Das Sperrige ist eine Notwendigkeit für mich. Vielleicht ende ich einmal als Schlagerinterpretin (lacht), aber ich muss mich dagegen sperren, ich muss dagegen arbeiten, um nicht zu stagnieren. Ich weiß, dass ich mich aufs Eingängige verlassen könnte, aber das will ich nicht.

Gerhard Stöger in FALTER 17/2008



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