The Quincy Jones ABC/Mercury Big Band Jazz...

Quincy Jones


Schmiss & Schmelz

Was hat der Mann, der vor kurzem seinen 75. Geburtstag feierte, nicht alles geschafft?! Als 30-Jähriger bekam er für ein Count-Basie-Arrangement seinen ersten Grammy, 25 weitere sollten folgen; er schrieb Filmmusiken – u.a. für Norman Jewisons "In the Heat of the Night", Steven Spielbergs "The Colour Purple" oder die TV-Serie "Ironside"; er produzierte das erfolgreichste Popalbum aller Zeiten (Michael Jacksons "Thriller"), und zum Drüberstreuen setzte er mit Nastassja Kinski ein Kind in die Welt. Man muss sich um Quincy Jones also vermutlich keine Sorgen machen. Und das war, vermutlich, immer schon so. Mit zarten 23 veröffentlichte er sein erstes Album mit dem nicht eben bescheidenen Titel "This Is How I Feel About Jazz", kurz bzw. wenige Jahre danach entstanden die Aufnahmen, die nun auf den insgesamt fünf CDs der "ABC/Mercury Big Band Jazz Sessions" veröffentlicht wurden – wie stets im Falle von Mosaic Records (Vertrieb: Universal) mustergültig ediert und von ausgezeichneter Klangqualität (mit vernachlässigenswerten Abstrichen beim Newport-Konzert von 1960, wo die Liveatmosphäre gegenüber der Klangbalance die Oberhand behält).
Als Arrangeur und Bandleader kann Jones mit den ganz Großen nicht ganz mithalten: Im Unterschied zu Ellington oder auch Gil Evans hat er – trotz einer hier bemerkbaren Vorliebe für die Flöte – keinen eigenen Sound geschaffen, auch fehlten ihm die hochfliegenden (und mitunter prätentiösen) Ambitionen eines Stan Kenton. Hört man die kulinarischen Einspielungen für Impulse von 1961, muss man daran denken, dass Gil Evans' "Out of the Cool" und Oliver Nelsons "The Blues and the Abstract Truth", die dort im gleichen Jahr herausgekommen sind, doch um einiges moderner klingen.
Den Hang zum Eklektizismus zwischen Kunst und Kommerz, Schmiss und Schmelz verrät schon das Repertoire, in dem sich rasant interpretierte Swingfeger ebenso finden wie Bebop-Klassiker, resolute Boogies, subtile Klangpoeme oder der fast schon martialische Frohsinn der Einspielungen vom März 1959. Unüberbietbar charmant: Die 1956er-Aufnahme von Julian Adderleys "Sermonette". Wer so predigt, dem wollen wir gerne folgen.

Klaus Nüchtern in FALTER 17/2008



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