Komponisten im Exil. 16 Künstlerschicksale des 20. Jahrhunderts

Ferdinand Zehenreiter


Yin, Yang und Yun

Tradition oder Moderne, Ost oder West – solch strenger Dualismus verhindere nur die Entstehung des kreativen Dritten, sagte der koreanisch-deutsche Komponist Isang Yun (1917–1995) einmal und nahm für seine Musik in Anspruch, dass sie sowohl östlich wie westlich als auch nicht östlich wie nicht westlich sein könne. "Wie es die Elemente Yin und Yang voneinander gegenseitig erfordern, lassen sich in meiner Musik Relativität und Einklang verbinden."
Mit Yuns 1. Kammersinfonie und zwei Haydn-Sinfonien macht das Münchener Kammerorchester unter Alexander Liebreich diese ganz eigenständige Verbindung auf einer klug programmierten CD hörbar (ECM/ Lotus). Über die direkte Bezugnahme auf Haydns Orchesterbesetzung hinaus trägt das Stück klassische Züge – und ist zugleich geprägt von einem entwicklungslos in sich ruhenden Zeitempfinden und der Konzentration auf nuancenreich gestaltete Einzeltöne. Kaum merklich breiten sich die Klänge aus – und der Kontrast zu Haydns stürmisch drängenden Moll-Sinfonien Nr. 39 und 45 könnte nicht effektvoller sein, würde das Orchester deren dramatisches Potenzial nicht zugunsten einer betont nüchternen Interpretation ungenutzt lassen.
Die Geigerinnen Angela und Jennifer Chun kombinieren auf "Fantasy" (Harmonia Mundi) Violinduos von Martin°u , Schostakowitsch und Milhaud mit Yuns Sonatina für zwei Violinen (1983). Ein Stück, geprägt von starker innerer Spannung, die sich in Momenten zarter Ruhe entlädt – laut Yun der Wechsel von Yang nach Yin.
Anders als in der Musik konnte Yun im Leben den großen Dualismus des 20. Jahrhunderts nicht überwinden: Aus seinem deutschen Exil (wo er sich intensiv mit der Avantgarde beschäftigte, den Serialismus jedoch ablehnte und eher Ligeti, Penderecki, Cage und Paik nahestand) wurde er 1967 von Südkoreas Geheimdienst entführt und wegen angeblicher Spionage für Nordkorea zu lebenslanger Haft verurteilt, konnte 1969 dank deutscher Interventionen jedoch nach Berlin zurückkehren. Ein ausführliches Porträt findet sich in dem hochinteressanten neuen Band "Komponisten im Exil" von Ferdinand Zehentreiter, das 16 Künstlerschicksale des 20. Jahrhunderts vereint (Henschel Verlag).

Carsten Fastner in FALTER 16/2008



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