Sleepyhead

Florian Horwath


Sein eigener Teufel

Angeblich braucht die Kunst Muße, um reifen zu können. Florian Horwath beweist das Gegenteil. Eigentlich hatte er keine Zeit, um Songs für sein zweites Album zu schreiben. Seitdem er im Frühjahr 2005 mit "We Are All Gold" sein Debüt als sixtiesseliger, weltumarmender Singer/Songwriter gab, hat sich das Leben des heute 35-Jährigen grundlegend verändert. Nach Jahren in Berlin übersiedelte der gebürtige Tiroler wieder zurück nach Wien. Der Grund war natürlich privater Natur. Horwath wurde vor zwei Jahren zum ersten Mal Vater. "Das Schönste, das es gibt", schwärmt er.
Kaum war jedoch Sohn Nikolai angekommen, drängte auch ein neues Album auf die Welt. Ein Termin in dem schwedischen Studio, wo bereits der Erstling eingespielt wurde, war fix reserviert. Die Mitglieder seiner großteils aus Schweden bestehenden Band, der auch der Cardigans-Bassist Magnus Sveningsson angehört, warteten schon. Nur gab es noch kaum neue Songs. "Der große Unterschied zum ersten Album war der Zeitfaktor", sagt Horwath über die Entstehungsgeschichte von "Sleepyhead". "Ein Großteil des Albums ist fast direkt nach der Geburt entstanden. Alles drehte sich schneller, ich musste beim Musikmachen komplett anders umgehen mit meiner Zeit."
Die Vaterschaft hat den ehemaligen FM4-Redakteur zur Konzentration gezwungen. Einige Wochen lang hatte er jeden Tag genau drei Stunden, um Worte und Melodien zusammenzutragen. Er zog sich für diesen Zeitraum in zwei leerstehende Räume in der Altbauwohnung eines Bekannten zurück, wo er ein Ministudio mit Gitarre, Computer und einem kleinen Klavier aufgebaut hatte. Danach sprang er aufs Rad und fuhr nachhause, um eilig zu kochen oder mit Nikolai in den Park zu gehen. "Das war schon super, sehr intensiv halt und ungewohnt", rekapituliert er. "Man darf sich nur nicht am Gewohnten festklammern. Ich habe mich in Berlin beim Musikmachen sehr wohl gefühlt. Bei dieser Platte habe ich gelernt, dass man sich unabhängig machen soll von den äußeren Umständen."
Wenn Horwath seinen kreativen Prozess erläutert, dann klingt das nicht nach Arbeit, sondern nach einer spirituellen Erfahrung. Er sagt Dinge wie: "Die Lieder wählen sich immer die Umgebung aus, in der sie zum Vorschein treten wollen." Oder: "Man muss als der, der sie spielt, nur darauf hören, was die Songs sagen. Ich versuche nur anwesend zu sein und warte darauf, dass etwas an mir vorbeifliegt, das ich auffangen kann." Im Herzen ist er ein Hippie im besten Sinne – offen, entspannt und mit einem wachen Sinn für seine Umgebung ausgestattet.
An Songwriting-Götter, die es gnädig zu stimmen gälte, glaubt Horwath nicht. Es ist sein eigener, innerer Teufel, der so zauberhafte Melodien wie die von "Baby You Got Me Wrong", "The River" oder "Dad You Have Faith in Me, and Yes, I Love You" anlockt. Die neue Platte hat einige große Gänsehautmomente, doch in "Dad ..." findet sich der intensivste. "So I sell my soul to the devil / So I sell my soul to the sea / So I sell my soul to the devil / And the devil is me" singt Horwath darin mit seiner sanften, brüchigen Falsettstimme. "Ich glaube, jeder fühlt sich von irgendetwas so stark angezogen wie von einem Magneten", erklärt er den Sinn. "Bei mir ist das die Musik. Ich habe mich entschieden, der Einladung meines Teufels zu folgen."
Eine Karriere als Popmusiker zu wagen, war nie weniger vernünftig als heute, wo sich die Verkaufszahlen für Tonträger im freien Fall befinden. Trotzdem zieht Horwath das voll durch. Jus hat er zwar fertigstudiert, es war allerdings nie eine echte Berufsoption für ihn. Das Modeln hat er aufgegeben. Ein Nebeneinkommen verdient er sich noch als DJ, in letzter Zeit ist er unter seinem Alter Ego Tschamba Fii wieder öfter in Technoclubs anzutreffen. Aus Leidenschaft ("Auflegen ist herrlich"), für die Kohle allein würde er es nicht machen.
Ähnliches gilt für sein weniger bekanntes Engagement als Modedesigner, das mehr mit Kunst als mit der Welt des Glamour zu tun zu haben scheint. "Zusammen mit einem Freund beschäftigte ich mich mit Orten, an denen sich Energie bündelt", sagt er ein wenig rätselhaft. "Im Halbjahresrhythmus ernten wir dann Dinge. Das kann ein Print sein, ein Kleidungsstück, ein Geschmeide oder eine Aufgabe, ein kleines Rätsel." Oder auch ein Kurzfilm aus der libyschen Wüste, wie sich auf der Website www.intotheessence.com nachklicken lässt.

Songwriter-Pop und elektronische Musik, Mode und Kunst: Marketingbeauftragte würden sich an dem Mann die Zähne ausbeißen. Er lässt sich nicht auf den Punkt bringen, macht einfach das, was ihm richtig und wichtig erscheint. In Wien steht er damit eher am Rand als im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Mit der inzwischen gutvernetzten hiesigen Songwriterszene um Ernst Molden und A Life, A Song, A Cigarette gibt es bis dato keinen Kontakt: "Die meisten Leute kenne ich gar nicht. Ich freue mich immer, wenn sich Dinge ergeben, aber nichts muss sein. Wenn es sein soll, wird's eh sein, denke ich mir."
Dabei ist Horwath alles andere als ein Einzelgänger, aufgrund seiner herzlichen Art knüpft er sogar sehr leicht Kontakte. Gerade hat er sich in Richard Pappik verliebt, den Schlagzeuger von Element Of Crime: "Ein unglaublicher Typ. Wir haben ein paar Konzerte in Deutschland gespielt, nur ich am Klavier und er auf einer Holzkiste." Zum Durchbruch verhelfen könnte ihm wiederum seine Bekanntschaft mit der Cardigans-Sängerin Nina Persson. Mit ihr singt er das wunderbare Duett "Baby You Got Me Wrong", einen dieser selten gewordenen Ohrwürmer, der so klingt, als sei er immer schon da gewesen.
"Ich hatte Fieber, als ich mich endlich getraut habe, sie zu fragen, ob sie das Lied mit mir singen will", erzählt er. "An dem Tag, als wir es aufgenommen haben, waren die Straßen total vereist. Nina ist nicht gerade berühmt für ihre Fahrkünste, aber sie ist trotzdem ins Studio gekommen. Sie muss es wirklich gewollt haben." Über die Umstände von Perssons Rückfahrt sagt Horwath nichts. Der Teufel in ihm muss das Eis wohl zum Schmelzen gebracht haben.

Sebastian Fasthuber in FALTER 16/2008



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