Songster

Chris Gelbmann


Der Singvogel

Noch vor einigen Jahren pendelte Chris Gelbmann täglich aus der niederösterreichischen Hinterbrühl herein in die Stadt. Der 35-Jährige arbeitete beim Musikmulti Universal, wo er unter anderem den Karrierebeginn von Christina Stürmer betreute und das Comebackalbum von André Heller initiierte. Seit 2005 macht Gelbmann selbst hauptberuflich Musik, inzwischen ist er ins nördlichste Waldviertel auf einen Bauernhof gezogen.
"Oben in der Provinz empfinde ich sehr viel Wärme, ganz im Gegensatz zur Kaltschnäuzigkeit der Stadt", sagt er. "Ich schätze die Geradheit der Leute, die mich umgeben, und begrenzte Horizonte kann man viel schneller erweitern, als man glaubt." Ein Hippie auf den Spuren des Rock'-n-'Roll-Farmers Neil Young also? "Nein, das ist einfach meine Philosophie der absolut schlanken Unternehmensstrukturen. Ich versuche, das meiste, was ich verbrauche, selbst zu erschaffen und ansonsten mit dem Bisschen auszukommen, das ich als Musiker verdiene."
Gelbmanns Debüt "The Pink Beast of Love" ist im Herbst 2005 erschienen. Nach dem introvertierten Album "Milos and More" (2006) ist "Songster" jetzt bereits die dritte CD des Niederösterreichers, der mit seiner charakteristischen Honigmilchstimme und seinen eingängigen Liedern an den Cat Stevens der Siebzigerjahre erinnert. Der Titel "Songster" geht auf ein Wortspiel mit den Begriffen "Song" und "Monster" zurück. Ein Song könne für den Künstler auch ein Monster sein, das er bezwingen muss. "Es ging mir gerade bei diesem Album sehr stark darum, das Songmonster in den Käfig zu bekommen, den Song also so zusammenzufügen, dass er verständlich wird. Später bin ich draufgekommen, dass ‚Songster' als Wort existiert und nichts anderes als ‚Singvogel' und ‚Sänger' heißt. Ein ‚Songster' ist also nichts anderes als ein ‚Singer/Songwriter', aber so würde man wohl kein Album nennen."
Gelbmann veröffentlicht auf dem von ihm mitbetriebenen Independentlabel Buntspecht, dessen Programm zwischen Singer/Songwritertum, Erwachsenenpop und Austro-Americana angesiedelt ist. Dabei gibt er den Künstler und den Musikmanager in Personalunion und liefert so auch zwei unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie es bei Buntspecht läuft. "Hervorragend, super", sagt der Musiker Gelbmann. "Ich lerne viele tolle Musiker kennen, und wir veröffentlichen großartige Alben." Ganz anders klingt der Manager. "Ich bin froh, Buntspecht als Basis und Anlaufstelle zu haben, aber berauschend läuft es nicht. Egal, wie schlank die Firmenstruktur ist, übrig bleibt leider gar nichts."
Dass heute viele Musiker ihr eigenes Label betreiben, sieht der Neohobbybauer nur bedingt als Vorteil, führe die kurzfristig gewonnene Unabhängigkeit mittelfristig doch ins ökonomische Nichts. "Kunst hat immer über Mäzenatentum und Sponsoring funktioniert. Das war schon bei den Römern so, und in gewisser Hinsicht haben die vielgeschmähten Majorlabels jahrzehntelang nichts anderes getan: Sie haben Künstlern irgendwelche komischen Eskapaden erlaubt, aus denen dann interessante Dinge entstanden sind. Den reinen Künstlerlabels fehlt heute aber das Wissen um die andere Seite, sie bekommen keine vernünftige Geschäftsstruktur zusammen. Wer sich wegen 100.000 Zugriffen auf seine MySpace-Seite als Superstar fühlt, ist einfach ein Idiot, der etwas ganz Entscheidendes nicht kapiert hat: Wenn du von Musik leben willst, musst du dafür auch Geld verlangen!"

Majorlabels im klassischen Sinne sind für Gelbmann, der sich bislang ohne Mäzen durchschlagen muss, eine aussterbende Spezies; der Zug sei spätestens an dem Tag abgefahren, als Apple seinen Downloadstore iTunes eröffnete. "An die Stelle der Majorlabels treten Telekommunikationskonzerne und Computerhersteller, die mit Musik nichts mehr zu tun haben, sondern reine Content-Vertriebe sind. Die Musik selbst wird deshalb nicht gleich sterben, aber es wird fast unmöglich sein, ausschließlich vom Musikverkauf zu leben. Entweder du bist ein guter Liveperformer oder du bist in irgendwelche Deals verstrickt, weil du hübsch bist, Marken verkaufen kannst, in Serien mitspielst oder Ähnliches. Anders wird es nicht mehr funktionieren."
Die Zeit der großen Popsuperstars sei ohnedies vorbei, meint Gelbmann; die jugendkulturelle und gesamtgesellschaftliche Fragmentierung biete klassischen Stars keinen Platz mehr. Selbst Britney Spears und Justin Timberlake, die beiden herausragenden Popdarsteller der letzten Jahre, kosten ihn nur einen kurzen Lacher. "Das sind doch austauschbare Marionetten! Britney Spears ist eine komische Figur, die aus ihrem BH geplatzt ist, und Justin Timberlake – who the fuck is Justin Timberlake? Kannst du irgendeinen Song von ihm nachsingen? Ich nicht. Gegenprobe: Kannst du einen Song von Elton John nachsingen? Eben."

Gerhard Stöger in FALTER 15/2008



ANZEIGE


FALTER abonnieren
×