Foan

Ernst Molden


Wien Mitte

Die Hammerschmidtgasse ist eine stille Straße im 19. Bezirk. Früher war hier der Teufel los. "In da Hammerschmidgassn steht a oide Fabrik, speda woa duat a Woschsalon drin. Und glei vis a vis die greßte Gstettn im Bezirk, jeden Dog so um zwaa samma hin." Die Gstettn in der Hammerschmidtgasse war so groß und abenteuerlich, dass alle sie für sich beanspruchten: die Gstopften aus dem Oberdöblinger Cottage ebenso wie die Proleten aus Nussdorf und aus dem Karl-Marx-Hof unten in Heiligenstadt. Mittendrin, quasi zwischen den Fronten: Ernst Molden. Der Bub aus großbürgerlicher Familie – Villa mit Garten, Kindermädchen – war zwar eindeutig auf der gstopften Seite zuhause, spielte aber lieber mit den wilden Prolobuben. Während er vor den Eltern schön brav nach der Schrift redete, kommunizierte er mit seinen Spielkameraden in breitem Slang. Wenn Moldens Großmutter mütterlicherseits, eine Ottakringerin, den Buben zuhörte, sagte sie anerkennend: "Burschen, es hobts an Spruch."
"Hammerschmidgossn" ist der letzte Song auf Ernst Moldens neuem Album "Wien". Genauer gesagt: auf einem seiner zwei neuen Alben. Zeitgleich mit "Wien" kommt "Foan" in den Handel, auf dem Molden wienerische Coverversionen von zehn Lieblingsliedern singt. Dabei war ursprünglich nur eine EP mit ein paar neuen Versionen alter Moldensongs geplant. Vom Ergebnis war die Plattenfirma dann aber so überzeugt, dass man beschloss, gleich ein ganzes Album aufzunehmen.
Das Titelstück "Wien" ist eine der alten Nummern, die Molden neu eingespielt hat: "Wieso kommt keiner morgens früh nach Wien und sieht die Huren vor den Straßenkehrern fliehen?" Live spielt Molden den Song fast immer; auf CD aber war er bisher nur in der "austropoppigen Version" des 1996 erschienenen Debütalbums zu haben, als Molden und Band unter dem Namen Teufel und der Rest der Götter auftraten. Tatsächlich hören sich die beiden Aufnahmen des Songs wie zwei verschiedene Lieder an. In der Urfassung spricht Molden den Text über ein opulentes Arrangement und erinnert an den frühen André Heller; in der neuen Version ist "Wien" ein lässiger Großstadtblues, und Moldens Gesang klingt so zart wie das bei seiner Reibeisenstimme nur möglich ist.
Auch die zweite Molden-Neuerscheinung "Foan" hat sich eher zufällig ergeben. Für einen Johnny-Cash-Abend in der Szene Wien hatte Molden den Cash-Song "Give My Love to Rose" in "Lindschi" umgedichtet; dabei kam er auf den Geschmack und hatte bald 13 Covernummern beisammen – von Bob Dylan bis Tom Waits, von Will Oldham bis Udo Lindenberg. "Foan" ist ein Soloalbum, abgesehen von Gastauftritten sind nur Moldens Stimme und seine Gitarre zu hören. Auf CD gebrannt wurden allerdings nur zehn von dreizehn Songs. Bei drei Titeln haben die Rechteinhaber ihr Veto eingelegt – unter den gecancelten Nummern ist dummerweise auch das Titelstück "Foan", in dem Molden den Rod-Stewart-Schmachtfetzen "Sailing" von der hohen See auf die Niederungen des Straßenverkehrs herunterholt: "I wea foan, i wea foan, trotz die Viertln und dem Bia."
Das Album heißt immer noch "Foan", weil Molden findet, dass der Titel trotzdem passt. Stimmt. Besonders gut fährt der "Weeping Song" von Nick Cave, aus dem hier eine "Numma zum Waanen" geworden ist. Cave war einer der Künstler, die sich Moldens Version angehört haben, bevor sie ihr Okay gaben. Dabei war es unter Umständen hilfreich, dass Molden 1998 in der Schule für Dichtung Caves "Love Song"-Klasse besucht hatte. Eine prägende Erfahrung, aus der er vor allem eine Lehre mitgenommen hat: "Ausselahnen, ausselahnen, ausselahnen! Das heißt: möglichst viel von dir herzeigen, nackert sein, sich nicht verstecken – weder im Text noch in der Performance."
Beim Übersetzen ist ihm aufgefallen, "dass die viel ,singendere' und silbensparendere Wiener Sprache tausendmal geeigneter für Pop ist als das Hochdeutsche". Aber auch inhaltlich habe die Transponierung interessante Auswirkungen. "Zwei Drittel der Nummern sind so Edelcountry-Americana-Klassiker, wo sich unsereiner den wilden Westen vorstellt. Und kaum singst du die auf Wienerisch, werden die Desperados zu Kleinkriminellen, und alles spielt sich plötzlich im Espresso oder beim Hofer ab. Das wird ganz klein und eng, auch deprimierend."
Dass das hochdeutsch getextete "Wien" und das Dialektalbum "Foan" zeitgleich erscheinen, ist Zufall. Molden hat dafür trotzdem eine schöne Begründung gefunden: ",Wien' zeigt der Welt meine Stadt, und ,Foan' zeigt der Stadt meine Welt." Und irgendwie ist das getrennte Doppelalbum schon auch bezeichnend für diesen Künstler, der an der Demarkationslinie zwischen Großbürgertum und Proletariat aufgewachsen ist und beides intus hat. Man kann sagen: Molden hat die hohe Kunst im Kopf und das tiefe Wien im Herzen. Den perfekten Ausdruck für diese Zerrissenheit hat er noch nicht gefunden. Cash oder Danzer? Prärie oder Vorstadt? Hochdeutsch oder Dialekt? Ein Mann sucht seine Stimme.

Er hat sein Potenzial noch nicht annähernd ausgeschöpft", meint Walter Gröbchen vom Wiener Label Monkey, bei dem Molden seit zwei Jahren unter Vertrag steht. "Ich habe ihm gleich am Anfang gesagt: ,Du hast eine lange Geschichte hinter dir, aber außer einem guten Ruf hat nicht viel dabei herausgeschaut.'" Als Shooting Star gehe der 40-jährige Molden nicht mehr durch, konstatiert Gröbchen. "Aber in seiner künstlerischen Emphase ist er jung. Und wenn er konsequent weiterarbeitet, kann er ein Niveau erreichen, wo das Leben halbwegs Spaß macht."
Derzeit kann Ernst Molden von der Musik mehr schlecht als recht leben. Seine Ansprüche sind aber auch nicht sonderlich hoch. "Er verkörpert für mich einen Seventies-Boheme-Lebensstil, von dem ich eigentlich geglaubt hab, dass es den nimmer gibt", sagt Molden-Freund Robert Rotifer, der auf "Wien" als Gastgitarrist zu hören ist. Seit Jugendtagen weiß Molden, wie flüchtig Reichtum sein kann. Als der Verlag seines Vaters 1982 pleite ging, musste die Familie die Döblinger Villa räumen und nach Alpbach in die Tiroler Berge ziehen. Dort besaßen die Moldens noch ein Bauernhaus, das nicht in die Konkursmasse fiel. Als Ernst Molden nach sechs Jahren Tiroler Exil zurück nach Wien kam, arbeitete er zuerst als Redakteur bei der Presse und dann als Dramaturg am Schauspielhaus, wo Direktor Hans Gratzer gerade ganz auf zeitgenössische Autoren setzte. Auch Molden selbst galt damals als hoffnungsvoller Nachwuchsdramatiker; am Schauspielhaus wurde 1991 sein Stück "Der Basilisk" uraufgeführt.
Vor allem aber war Ernst Molden damals damit beschäftigt, sich selbst zu inszenieren. Er ging nur mit Hut und Gehstock auf die Straße und verschwand Abend für Abend in seinem privaten Bermudadreieck aus Die Bar, Alt Wien und Café Engländer; er quartierte sich im Stundenhotel Orient ein, um dort seinen ersten Roman zu schreiben ("Die Krokodilsdame", 1997) und die "Loge der generellen Zweckentfremdung" zu etablieren. In der "Kaisersuite" des Orient trafen sich jeden Sonntag in der Nacht Literaten, Künstler und Musiker zum geselligen Gedankenaustausch. In der Loge lernte Molden auch den kroatischen Gitarristen Ivan Simatovic kennen. Die beiden saßen mit ihren Gitarren auf dem Bett der Kaisersuite und jammten vor sich hin. "Der Ernst hat mit seiner Musik damals gnadenlos Gesprächsrunden gesprengt", erinnert sich der Schriftsteller und Logenbruder Christoph Braendle an die Anfänge des Musikers Molden.
Wenn der Molden von heute über den Molden aus den Neunzigerjahren spricht, dann klingt das fast, als würde er sich selbst verständnisvoll-mitleidig über den Kopf streichen. "Ich hab damals anachronistisch gelebt. Ich war zwar mit dem Werner Schwab am Schauspielhaus, aber meine Lieblingsdichter waren Rilke und Trakl. Und zeitgleich mit dem Big Bang der Wiener Elektronikmusik bin ich mit Folkgitarren und manierierten deutschen Songtexten dahergekommen – unhipper konnte man damals nicht sein." In den Rezensionen seiner ersten Bücher und CDs rechneten manche Kritiker auch mit dem Schnösel Ernst Molden ab, der einsehen musste, dass man sich mit Selbstinszenierung auch Feinde schafft: "Wenn du in Wien sehr jung bist und ein bissl Glamour transportierst, kriegst du schnell einmal deinen Auftritt. Aber dann kommt die Phase, wo du auf die Schnauze fallst."
Irgendwann um die Jahrtausendwende hat Molden ein paar grundsätzliche Entscheidungen getroffen. Erstens gründete er eine Familie; mit seiner Frau Veronika hat er mittlerweile drei Kinder, Leopold (7), Karl (4) und Nelly (2,5). Zweitens beschloss er, die Musik in den Mittelpunkt seines Schaffens zu stellen – wobei Letzteres auch mit den neuen Lebensumständen zu tun hat. Als er an seinem vierten und bisher letzten Roman "Doktor Paranoiski" (2001) arbeitete, war gerade sein erster Sohn auf der Welt – und Molden stellte fest, dass Schreibklausur und Kinderaufzucht nicht gut zusammen passen. "Die Musik ist eine viel familienfreundlichere Tätigkeit. Ich kann im Kinderzimmer endlos lang an einem Song basteln und gleichzeitig auch beim Lego mitwirken."
Zumindest unterbewusst emanzipiert sich Ernst Molden mit der Musik auch von einer übermächtigen Familientradition. Er stammt aus einem Literatenclan: Sein Ururgroßvater war der kroatische Nationaldichter Petar Preradovic, seine Oma textete die österreichische Bundeshymne, Vater Fritz ist eine lebende Verlegerlegende, Mutter Hanna Journalistin und Autorin. "Die einzige Musik, die es im Haushalt meiner Eltern gegeben hat, waren Qualtinger- und Kreislerplatten", erinnert sich Molden. "Mein Vater hat immer gesagt: ,Meine Kinder sind nicht musikalisch!'"
Die Entscheidung für die Musik war zugleich ein Neustart. Seine ersten beiden Alben hat Molden aus der Diskografie gestrichen; mit dem liedermachenden Dichter wollte er nichts mehr zu tun haben. Tatsächlich haben Moldens Konzerte nichts mehr von klingendem Poesiealbum; mit seiner kleinen Band (Heinz Kittner, Drums; Stephan Stanzel, Bass) lässt er es mitunter ganz schön krachen. Die Geburtsstunde des Rockmusikers Ernst Molden kann man ziemlich genau datieren: Am 1. April 2002 wurde er von Rainer Krispel, der damals das Booking im Gürtellokal Chelsea besorgte, für eine Lesung engagiert. Molden kam mit seinem Vampirroman "Austreiben" – und einer E-Gitarre. Seit diesem Abend gilt Molden auch in einem orthodoxen Indierockschuppen wie dem Chelsea als satisfaktionsfähig – und das, obwohl er damals noch das Image des uncoolen Dandys hatte. "Man hatte so das Vorurteil, dass der ned leiwand Musik macht", erinnert sich Krispel, mit dem Molden inzwischen das "Cowpunk"-Bandprojekt The Red River Two betreibt. "Aber für mich war sofort klar, dass des ned stimmt. Und das habe ich auch in aller Deutlichkeit gesagt."
Im selben Jahr erschien mit "Nimm mich Schwester" das erste "gültige" Molden-Album, eine Platte von brüchigem Charme. Seit damals ist auf jedem neuen Album eine Entwicklung festzustellen. Der Sound ist erdiger und feiner zugleich, die Songs sind geradliniger. Ein durchgehend starkes Album, wenn man so will: sein Meisterwerk, hat Molden noch nicht geliefert. Aber mit jedem Versuch kommt er ihm näher.

Nach "Haus des Meeres" (2005) und "Bubenlieder" (2006) ist Molden mit "Wien" jetzt dort angekommen, wo er eh schon immer war. Seit fast zwanzig Jahren arbeitet er sich in Reportagen, Romanen und
Songs an Wien ab. Neben der alten Heimat Döbling wird auch der dritte Bezirk besungen, wo er seit elf Jahren wohnt. Einen Song hat Molden seinem albanischen Lieblingsfleischhauer aus der Markthalle in Wien-Mitte gewidmet: "Fleischhauer, Fleischhauer, Fleischhauer vor mir, gib mir ein Schnitzel. Oder gib mir gleich vier – damit ich mich nicht im Abstrakten verlier." Den vieldiskutierten Abriss der Markthalle empfindet Molden als schweren Verlust. "Ich hab mich davon aber schon in so vielen Kolumnen verabschiedet, dass ich nicht noch einmal zum Sudern anfangen will."
Die meisten Menschen, die Ernst Molden kennenlernen, sind anschließend mit ihm befreundet. Ein Sympathler, wie man so sagt. Außerdem ist Molden ein talentierter Vater (Rainer Krispel: "Ich kenne wenige, die so offensiv Kinder haben wie er"), ein erstklassiger Schreiber und ein verdammt guter Gitarrist. Und er hat die Gabe, einen Satz wie "Die Mitte meines Lebens ist die Liebe" sagen zu können, ohne sich damit komplett lächerlich zu machen. Eigentlich komisch, dass so einer nicht längst reich und berühmt ist. Dass Molden als Autor noch keinen Bestseller geschafft hat, liegt laut seiner Verlegerin Martina Schmidt (Deuticke) unter anderem daran, dass es bisher nicht gelungen ist, einen deutschen Taschenbuchverlag für seine Romane zu gewinnen. "Denen ist das zu wienerisch." Schmidt ist übrigens zuversichtlich, von "einem meiner besten Autoren" noch heuer ein neues Manuskript geliefert zu bekommen. Er hat versprochen, sich im Herbst hinzusetzen und einen Krimi zu schreiben.
Und wann gelingt dem Musiker Ernst Molden der erste Hit? Sein Labelchef Walter Gröbchen will ihn dazu bringen, fürs nächste Album "auch einmal zwei, drei Nummern anzugehen, die Hitqualitäten entwickeln könnten". Wie etwa Georg Danzer gezeigt habe, gebe es durchaus einen Markt für wienerische Poesie und Liedermacherei.
Molden selbst glaubt allerdings nicht, dass diese "surrealen, im guten Sinn gspritzten Inhalte meiner Songs auf Wienerisch funktionieren würden". Bei der "Hammerschmidgossn", der einzigen Dialektnummer auf "Wien", handelt es sich dann auch um ein Auftragswerk für Willi Resetarits, der auf der CD im Duett mit Molden zu hören ist und den Song in sein Liveprogramm aufgenommen hat. Es ist das persönlichste Lied des Albums – eine sentimental journey und ein Abschied von der Kindheit. "I sog Seavas zu meina Gossn, und die Gossn griaßt ned retour."

Wolfgang Kralicek in FALTER 14/2008



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