Accelerate

R.E.M.


Tanz den Apocalypso!

Man weiß nicht, ist es die Folge von Wut, Verzweiflung oder auch nur Langeweile, aber REM sind aus ihrer halb komatösen Lähmung erwacht. Wir erinnern uns: Als Schlagzeuger Bill Berry 1997 die Gruppe verließ, wurde aus der US-Band aus Athens "ein dreibeiniger Hund", wie es Sänger Michael Stipe damals formulierte. Die Chemie veränderte sich, auf ihren Alben (zuletzt: "Around the Sun") klangen REM trotz einzelner gelungener Songs gedämpft und müde. "Wir haben kaum noch miteinander gesprochen, das schlug sich auch in der Musik nieder", erklärt Stipe rückblickend.
Auf ihrem aktuellen Album "Accelerate" überraschen Stipe, Gitarrist Peter Buck und Bassist Mike Mills mit einer neuen "Scheiß drauf, lasst uns einfach spielen"-Einstellung. Vor allem Buck macht Lärm, wie man ihn von ihm seit den Achtzigerjahren nicht mehr gehört hat, ja mehr noch: So druckvoll wie auf den neuen Songs "Living Well Is the Best Revenge" oder "Man-Sized Wreath" haben REM überhaupt noch nie geklungen. In nur neun Tagen in Dublin quasi live eingespielt klingt das Material rau, nervös und der Gegenwart angemessen hektisch.
Die Songtitel deuten es an: Zeitgenosse Stipe arbeitet sich in seinen Texten weiterhin mit der Lage der Welt im Allgemeinen und der USA im Besonderen ab. Seine Beobachtungen fallen jedoch schärfer und pointierter aus als zuletzt. "Nature abhors a vacuum / But what's between your ears?", fragt er in "Man Sized-Wreath" die patriotischen Herdenführer und Schafe. In "Houston" heißt es zwar "If the storm doesn't kill me / The government will", und dennoch lässt Stipe keine bleibende Verbitterung zu: Wenn du die Dinge nicht ändern kannst, dann betrachte sie eben mit staunenden Augen: "Turning on the TV and what do I see? / A pageantry of empty gestures all lined up for me – wow!"
Gerahmt wird "Accelerate" von den Songs "Living Well Is the Best Revenge" – bald bestimmt als Slogan auf T-Shirts zu sehen – und "I'm Gonna DJ". Mit ihnen schließt sich der Kreis zu "It's the End of the World As We Know It (And I Feel Fine)". 2008 tanzt man wieder mal den Apocalypso, und Stipe steht an den Plattentellern: "Death is pretty final / I'm collecting vinyl / I'm gonna DJ at the end of the world."
Ich fühle mich momentan wieder so ähnlich wie als Teenager", erklärt Michael Stipe die Wandlung der Band. "Damals wurde viel über die Zukunft gesprochen, das 21. Jahrhundert schien ein großes Versprechen zu beinhalten. Heute muss man sagen: Wir haben bislang keine Ahnung, was das 21. Jahrhundert ist. Wir können uns nur über seine Geschwindigkeit wundern."
REM liefern den Soundtrack zu einer rastlosen Zeit und die sie begleitenden Störungen wie das Aufmerksamkeitsdefizit.

Auffällig ist die Schmucklosigkeit der Musik. Stipe gefällt sich in der Rolle des freundlichen Agitators, dem kaum einmal ein typischer REM-Refrain wie der von "Hollow Man" auskommt. Die Arrangements finden mit dem Notwendigsten das Auslangen: Gitarre, Bass, Schlagzeug. Mag sein, dass die Band dabei ein klein wenig übers Ziel hinausgeschossen ist, Fans ereifern sich auch bereits über die sparsame Albumlänge von knapp 35 Minuten. Doch für Multimillionäre um die fünfzig stellt "Accelerate" die vermutlich authentischste Form dar, eine zeitgemäße Rockplatte zu machen. Klingt unwahrscheinlich, ist aber so: REM sind der bis jetzt beste Grund, sich heuer ein Sommerfestival anzutun.

Sebastian Fasthuber in FALTER 13/2008



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