Hello Voyager

Evangelista


Geisterstunde

Mark Lanegan und Greg Dulli sind zwei verdienstvolle Größen der Grungeära. Lanegan fiel zuletzt vor allem durch diverse Kooperationen – unter anderem mit Isobell Campbell und Queens of the Stone Age – auf, Dulli betreibt die nicht gerade übermäßig lebensfrohe Erwachsenenrockband The Twilight Singers. Im Duo nennen sich die beiden Gutter Twins, mit "Saturnalia" (Sub Pop/Trost) liegt jetzt ihr seit Jahren angekündigtes Debüt vor. Geboten wird im Blues geerdeter, dabei aber nie vordergründig bluesig klingender und fallweise gar mit elektronischen Beats angereicherter Alternativerock von und für existenzialistische Trübsalbläser; bisweilen forciert, gerne aber zurückhaltend angelegt. Und, Überraschung: Hie und da vermeint man inmitten der Düsternis dann doch vereinzelte Sonnenstrahlen auszumachen.Bei Carla Bozulich kann man darauf lange warten, unter dem neuen Projektnamen Evangelista liefert sie mit "Hello, Voyager" (Constellation/ Trost) einen veritablen Avantgarderock-Brocken und den gegenwärtigen bestmöglichen Soundtrack zur Geisterstunde. Hebt die über Punk sozialisierte, künstlerisch aber Welten von klassischem Punk entfernte amerikanische Ausnahmevokalistin zum durchdringenden Wehklagen an, fühlt man sich an P.J. Harveys alten Songtitel "Meet Ze Monsta" erinnert. Bozulich flüstert und singt, pfaucht und schreit, betreibt Exorzismen und fasziniert mindestens so sehr, wie sie verstört: "When I was a baby I was as sweet as can be / I had a good heart but I had to kill it / 11 years old my blood ran cold / By 13 I had to spill it." Ihre hochkarätig besetzte Band spielt dazu ebenso frei wie konzentriert; Momente fragiler Schönheit gehen Hand in Hand mit Brachialität und Verstörung.Bozulichs kanadische Labelkollegen Thee Silver Mt. Zion Memorial Orchestra & Tra-La-La Band – Teile der Band sind auch auf "Hello, Voyager" zu hören – haben ebenfalls ein eindrucksvolles Album aufgenommen: "13 Blues for Thirteen Moons" besteht aus vier je rund viertelstündigen Trips. Intensitätsgeladen und abenteuerlustig angelegt, sind diese spannungsvollen Epen durchwegs von großer emotionaler Dichte geprägt.

Gerhard Stöger in FALTER 12/2008



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