a tempo! a tempo!

Valina


Träumen im Bus

Die Fahrerei ist natürlich manchmal anstrengend." Ansonsten hat Anatol Bogendorfer weder Lust noch Grund zu klagen. Der 28-jährige Oberösterreicher lebt als Sänger und Gitarrist von Valina seit rund zwölf Jahren seinen Traum vom Musikantentum. Nicht die "Neue Österreicher"-Variante mit Plakatwänden an Bushaltestellen, sondern das echte Musikerleben, das einen im Bus quer durch Europa führt.
Mitunter geht die Reise sogar bis in die USA, ins Mutterland des Hardcore und von intensiven Alternative-Bands wie Fugazi oder Shellac, von denen Valina ihre Inspiration bezogen haben. Ihr neues, drittes Album, "a tempo! a tempo!", haben Bogendorfer, Anselm Dürrschmid (Drums) und Florian Husbert Huber (Bass) wie bereits den Vorgänger "Vagabond" (2003) in Chicago bei Shellac-Mann und Sound-Guru Steve Albini aufgenommen. "Ein Highlight", so der enthusiasmierte Sänger. "14 Tage mit Steve ein Team zu bilden und jemanden zu haben, der nicht sich selbst produzieren, sondern einfach unsere Ideen unterstützen will, das ist einfach großartig."
Noch vor den üblichen Präsentationskonzerten in der Heimat waren Valina mit den druckvollen neuen Songs auf Tour durch Frankreich, Spanien und Italien. Das bedeutet: viele Autobahnkilometer im Bus. Das Trio verbringe sie selten mit Ritualen wie Rauschausschlafen und Weitertrinken, erzählt Bogendorfer: "Wir nutzen die Zeit im Bus, um das zu tun, was einem zuhause verwehrt bleibt: reden, in die Luft schauen, träumen. Das Unterwegssein lässt uns über den Tellerrand schauen und hat zu zwei wichtigen Sachen beigetragen: Linz ist uns zum Leben nicht zu klein geworden, weil wir andauernd eine andere, größere Welt sehen dürfen. Und es trägt auch dazu bei, dass man sich selbst nicht gar so super findet."
Dabei sind Valina ziemlich super. Auf dem neuen Album gelingt ihnen der Spagat zwischen höchster Intensität und Hörerfreundlichkeit. Schlagzeug, Bass und Gitarre preschen mächtig los und agieren doch wohldosiert. Es ist eine Art freundlicher Wettstreit der Instrumente, in den Bogendorfers fast schon poppiger Gesang sowie ab und zu Bläsersätze und ein Piano als Mediatoren eingreifen. Geiler Krach allein sei eben zu wenig: "So sehr ich Musik schätze, bei der das Experiment im Vordergrund steht, so sehr legen wir Wert darauf, Songs zu machen."
Auf "a tempo! a tempo!" sind auch inhaltlich einige Überlegungen eingeflossen. Man dürfe die Platte durchaus ein Konzeptalbum schimpfen, meint ihr Textdichter: "In jedem Song werden Aspekte des Themas Zeit abgehandelt. Ausgangspunkt dafür war unsere eigene andauernde Auseinandersetzung mit Zeit innerhalb unseres Pläneschmiedens. Einerseits unterliegen wir einem Zeitmechanismus, der von außen vorgegeben ist, der uns etwa neben der Band arbeiten, studieren, essen und schlafen lässt. Andererseits wollen wir uns Zeiträume schaffen, die wir tatsächlich frei gestalten können."

Die Frage, ob sie mit ihrem – noch durchaus steigerungsfähigen – Bekanntheitsgrad in der Heimat zufrieden sind, stelle sich für Valina so gar nicht: "Wir wollten unseren Bandhorizont niemals auf die österreichischen Grenzen beschränkt wissen." Wer wie sie in einem kleinen, aber gut funktionierenden Netzwerk agiert, der kann sein Ding durchziehen, ohne sich den ungesunden Verwertungsmechanismen der Musikbranche auszusetzen. "Das hat nichts mit einer unhinterfragten Old-School-Punk-Position zu tun", sagt Bogendorfer. "Es ist einfach unser großer Wunsch, tatsächlich manche Dinge im Leben unabhängig gestalten und jenseits der Kommerzscheiße existieren zu können."

Sebastian Fasthuber in FALTER 10/2008



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