The Night of the Purple Moon

Sun Ra


Hier kummt da Sun

Er trug ein Häkelhauberl aus Metall und hatte den Blick ins Weltall gerichtet, stammte er selbst – eigenen, nur mäßig verlässlichen Angaben zufolge – doch nicht von der Erde, sondern vom Saturn. Herman "Sonny" Blount hatte einen ausgeprägten Hang zur Selbstmystifikation, weswegen er sich in den frühen 1950er-Jahren – nach der sengenden Himmelskönigin und dem ägyptischen Sonnengott – Sun Ra nannte und in entsprechenden Kostümen auftrat. Dergleichen spinnerter Zinnober hinderte ihn allerdings nicht daran, vom Swing herkommend, bahnbrechende Bigbandaufnahmen einzuspielen und zu einem Zentralgestirn des Free Jazz zu avancieren.
Das Sun Ra Arkestra war vor allem in den Sixties ein ekstatisches, krachfreudiges und im Laufe der Zeit auch für seine infektiös-eingängigen Weltraumhymnen ("Space is the Place") bekanntes Kollektiv, das im Jahre 1967 die passend "Strange Strings" betitelte LP einspielte, die nun – gemeinsam mit den anderen hier besprochenen Alben – als CD aufgelegt wurde (alle: Atavistic/Trost). Die Aufnahmequalität ist katastrophal, weswegen man nur ahnen kann, dass das Eingangsstück eventuell ein interessanter Beitrag zum "Third Stream" gewesen sein könnte, ansonsten werden seltsame Saiteninstrumente und Metallfolien erratisch beklopft, gezupft, gestrichen … Großartig freilich "Door Squeak", auf dem Sun Ra zehn Minuten lang einer offenbar schlechtgeölten Tür ganz wunderbare Töne entlockt.
Für seltsame Instrumente hatte Sun Ra ohnedies was über. Neben Klavier, Orgel und Wurlitzer Electric Piano benutze er auch das Ro(c)ksichord, einen an das Cembalo gemahnenden Synthesizer. "The Night of the Purple Moon" hat einen ganz eigenen corny'n'campy charm und klingt ein wenig wie Musik zu semi-ironischen TV-Serien, in denen die Schurken Sportautos fahren und im Schloss wohnen.
In rarer Quartettbesetzung ist Sun Ra auf "Some Blues but not the Kind thats Blue" zu hören: bluesig, artifiziell archaisch, somnambul. Musikgeschichtlich interessant John Gilmore, der seinerseits John Coltrane beeinflusst hat, spielt dessen Sopran-Showpferdchen "My Favorite Things" auf dem Tenor fast schwerfällig und mit kontemplativem Grundgestus.

Klaus Nüchtern in FALTER 10/2008



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