The Orchard

Lizz Wright


Wahrheitspackung

Oh yes, you can judge a book by its cover. Und nicht viel anders verhält es sich bei der CD. Nehmen wir The Puppini Sisters, die sich auf dem Cover im anlassig-unschuldigen Mädellook irgendeiner fiktiven Vergangenheit präsentieren. Und genau so klingt "The Rise & Fall of Ruby Woo" (Universal) dann auch: Die falschen Schwestern Marcella Puppini, Kate Mullins und Stephanie O'Brien bieten exakt die knallbunte, kokette, kesse, sentimentale und selbstironische Revue, die man sich erwartet hat – und statt Rum and Cocácolaa gibt's das "doo wat doo wat doo wat" von Duke Ellingtons "It Don't Mean a Thing", aber auch "Walk Like an Egyptian".Dass Tuck & Patti drin ist, wo Tuck & Patti draufsteht, wird – nach 30-jährigem Bestehen des Duos – niemanden mehr überraschen. Umso seltsamer, dass iTunes "I Remember" (Emarcy) als "New Age" klassifiziert. Schon gut, Gitarrist Tuck Andress hat eine Frisur wie ein flamencotanzender Astralleibaerobictrainer; und natürlich kann man die emphatische Auffassung vertreten, dass Jazz die Fackel weitertragen muss und nicht die Urne – aber dennoch sind die insgesamt zehn Stücke, deren schlichte, allenfalls mit ein bisschen Scatgesang aufgepeppte Darbietung fast schon wieder sympathisch ist, allesamt Fixsterne des Great American Songbooks.Lizz Wright singt vor allem Songs ihres Gitarristen Toshi Reagon, covert auf "The Orchard" (Verve/Universal) Led Zeppelin und macht es eh wie viele: Sie nimmt, was sie brauchen kann. "File under: Pop" sagt das Cover, "Jazz" meint iTunes – wurscht. Ob Blues, Gospel, Soulballade, Mimesis an k.d. lang ("Another Angel") oder so manche Petitesse – sparsam arrangiert und unterstützt von den Calexico-Buben Joey Burns und John Convertino macht Wright meist eine gute Figur.Und wenn zum Beispiel eine CD aus heimischer Produktion "Moods" (Extraplatte) heißt und Michaela Rabitsch & Robert Pawlik vom verschwommen ausgebleichten Foto schauen, ist man über den friktionsfrei freundlich groovenden Jazz mit afrikanischen, kubanischen und lateinamerikanischen Anleihen, der auch ziemlich genau die Balance zwischen vokal und instrumental hält (Rabitsch singt und spielt Trompete), nicht wirklich überrascht.

Klaus Nüchtern in FALTER 7/2008



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