Cryptozoology

Paper Bird


Das Glück is a Vogerl

Glaubt man ihrer Selbstdarstellung im World Wide Web, so kam Paper Bird in den Wäldern Kärntens zur Welt. Aufgezogen hat sie ein Stamm grimmiger Kobolde, mit dem sie eine Höhle behauste. Mit fünf landete Paper Bird zufällig in der Koboldbücherei, entdeckte ihre Liebe zur Zivilisation und brachte sich selbst Lesen, Schreiben und Musizieren bei. Als dem jungen Vogel langweilig wurde, flatterte er Richtung Wien und begann im Schlafzimmer Lieder aufzunehmen.
"Es war eine harte Schule", erzählt Paper Bird. "Man wird da sehr eingespannt in Koboldarbeit und muss sich erst freischaufeln aus der Koboldkultur – mit 18 habe ich es dann geschafft." Paper Bird heißt eigentlich Anna Kohlweis, und obwohl die 23-jährige Musikerin mit der glasklaren Stimme und den gegenwärtig berührendsten Heimwerkerinnen-Popsongs der Stadt wirklich aus Kärnten kommt, ist die Koboldgeschichte keine Metapher auf den politischen und kulturellen Problembären im Süden; als Klagenfurter Innenstadtkind und Tochter einer weltoffenen, kunstsinnigen Familie hat Kohlweis vom bösen Kärnten des Jörg Haider nicht viel mitbekommen.
Bereits mit fünf wollte sie Illustratorin werden und Kunst studieren, pubertäre Verwirrungen haben diesen Plan später durchkreuzt. Stattdessen studiert die Klagenfurterin Theater-, Film- und Medienwissenschaft, im neunten Semester denkt sie aber gerade intensiv darüber nach, das Studium abzubrechen und doch noch einen Bewerbungsanlauf an der Bildenden zu nehmen. "In meinem Leben ist gerade alles sehr in der Schwebe. Sicher weiß ich nur, dass ich Musik machen will und auch muss, weil einfach ein Bedürfnis und eine Dringlichkeit da ist, all das, was mir passiert, künstlerisch zu verarbeiten."
Kohlweis ist keine, die zum Geschrammel der akustischen Gitarre trübsinnige Lieder vom trübseligen Leben singt. Ihre Texte sind zwar autobiografisch ("da steckt so viel drin, dass ich fast Angst habe, es aufzunehmen") und nicht unbedingt in Frohsinn getränkt, kommen aber nicht als Tagebucheintrag, sondern in metaphorischer Verpackung daher. Und auch die Melancholie ist nur eine Facette ihrer Musik. War die Debüt-CD "Peninsula" vor zwei Jahren noch von klassischem Singer/Songwritertum der Marke "intim und filigran" geprägt, so schillert "Cryptozoology" jetzt in ganz anderen Farben.
Die Gitarre und die ausdrucksstarke Stimme stehen im Zentrum, werden aber von allerlei Krimskrams ergänzt: hier ein zum Schlagzeug umfunktionierter Kochtopf, da eine tänzelnde Rassel, dort irgendein Gerumpel. Dazu Händeklatschen, Melodica, Glockenspiel und Ukulele, Spieldosenmelodien, rhythmische Schreibmaschinengeräusche und explodierende Feuerwerkskörper. Bis die zwölf Songs nach dreimonatiger Bastelei fertig abgemischt waren, durfte nicht einmal Paper Birds Freund die Aufnahmen hören. "Die erste Platte war ein Ausprobieren, ohne dass ich Wert darauf gelegt hätte, die Songs genau auszuführen; die zweite ein Selbstversuch, was ich mit dem Schlafzimmer-Instrumentarium alles machen kann. Dieser Versuch ist jetzt beendet, die nächste Platte könnte also auch im Studio oder mit anderen Musikern entstehen."
Texte hat Anna Kohlweis immer schon geschrieben. Dass sie diese auch selbst vertonen könne, wurde ihr erst mit 16, 17 klar. "Früher dachte ich immer, eine Band zu haben ist etwas für die coolen Leute und für die, die lässig auf Bühnen stehen." Die ersten Paper-Bird-Songs hat sie, ermuntert vom Selbstbewusstsein der US-Musikerin Ani DiFranco, auf ihrer Homepage veröffentlicht, die Idee zur CD kam erst später. Den Respekt vor der Bühne hat Kohlweis überhaupt erst abgelegt, nachdem "Peninsula" bereits erschienen war; vorübergehend spielte sie damals Blockflöte und Perkussion bei Go Die Big City!, dem Wiener Anarcho-Folk-Gegenstück zu internationalen Musikkollektiven wie Broken Social Scene. Ganz ohne Coolnessdiktat, versteht sich: "Wir gehen da raus und haben Spaß", lautete das Credo der rasselbandenartigen Liveauftritte.

Rund um Go Die Big City! und die beiden Do-it-Yourself-Label Seayou und Fettkakao hat sich in den letzten Jahren überhaupt eine bemerkenswerte neue Szene gebildet. Ilias Dahimene, der Macher von Paper Birds Plattenlabel Seayou, betreibt mit Vortex Rex ein ausgelassenes Soloprojekt zwischen LoFi-Pop, Punk und Rappelkisten-Elektronik; Matthias Peyker steht als A Thousand Fuegos für Herzenserweiterung im Zeichen des Antifolk, für den rührenden Wirrkopf Sir Tralala gilt Ähnliches. Als Wiener Entsprechung zur internationalen Weird-Folk-Szene mag Kohlweis dieses Gefüge trotzdem nicht sehen, sei es doch vor allem ein Freundschafts- und Bekanntschaftsnetzwerk: "Es gab nie eine bewusste Überlegung, dass wir Musik machen und eine Szene bilden müssen."
Was ihre bisher schönsten Künstlererfahrungen als Paper Bird waren? "Es ist jedes Mal wieder aufregend zu hören, dass meine Lieder jemanden persönlich berühren. Das ist mir extrem wichtig, gleichzeitig erstaunt es mich, dass man so etwas schaffen kann." Ebenso schön sei es, wenn ihr Menschen aus den USA schreiben, die ihre – englischen – Texte gut fänden. "Die sprechen diese Sprache wirklich und tun das trotzdem nicht als beliebige Schreiberei von jemandem ab, der eigentlich kein Englisch kann. Das ist eine Bestätigung dafür, dass in den Liedern ganz viel von meinem Herzblut weitergereicht wird."

Gerhard Stöger in FALTER 6/2008



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