Apparition

Schäfer,Christine/Schneider,Eric, Purcell/Crumb


Trotz und Trost

Ist es Trotz, mit dem uns Christine Schäfer hier so ernst entgegenblickt? Ist es Trost? Traurigkeit? Oder eine doch noch irgendwie mitfühlende Entrücktheit? – Stets haftet der deutschen Sopranistin der Reiz des ein wenig Rätselhaften an, in den Liedrollen und Opernpartien, die sie verkörpert, ebenso wie auf dem Titelfoto ihres neuen Albums "Apparition", für das sie sich von Laurent Monlaü im Hochzeitskleid zwischen den riesigen Wirbelknochen eines Dinosaurierskeletts ablichten ließ.
Es ist ein Album über die Liebe und den Tod. Ein Konzeptalbum, würde man sagen, wäre dieser Begriff in der werkfixierten Klassik gebräuchlich. Doch stimmig komponierte Liedprogramme sind noch immer die Ausnahme, und dieses hier ist es erst recht, vereint es doch aufs Gelungenste die Musik zweier Komponisten, die durch nicht weniger als drei Jahrhunderte voneinander getrennt sind – in deren freier Rhythmik und beinahe improvisatorisch wirkender Melodik sich aber auch zahlreiche Gemeinsamkeiten aufspüren lassen.
Umrahmt von Shakespeare-Sonetten, die von einer computerverzerrten Kinderstimme vorgetragen werden, singt Schäfer Lieder des englischen Komponisten Henry Purcell (1659–1695) und des amerikanischen Avantgardisten George Crumb (geboren 1929). Der Pianist Eric Schneider, mit dem sie schon ihre großartige Interpretation von Schuberts "Winterreise" aufnahm, begleitet sie auch diesmal wieder am modernen Klavier und schafft so die stilistische Verbindung zwischen den Welten des Barock und des 20. Jahrhunderts. Auf diese Weise erzählen Schäfer und Schneider die Geschichte einer Liebe, an deren Beginn die Musik steht. "Music for a while / Shall all your cares beguile" ("Musik für eine Weile / Soll all euren Kummer vertreiben"), heißt es bei Purcell, und: "If music be the food of love / Sing on till I am fill'd with joy" ("Wenn Musik die Nahrung der Liebe ist / Singe weiter, bis mich das Glück erfüllt").

Von einer Hochzeit ist die Rede, aber auch von Eifersucht und vom Verlassenwerden, ehe die Dramaturgie in George Crumbs titelgebendem "Apparition" für Sopran und verstärktes Klavier aus dem Jahr 1979 mündet: eine Vertonung von Ausschnitten aus Walt Whitmans großem Zyklus "When Lilacs Last in the Dooyard Bloom'd", der 1865 als Klagegesang auf den Tod Abraham Lincolns entstand. Voller bildmächtiger Metaphern auf die Todeserfahrung sind diese Texte, die das Sterben gleichwohl nicht als Ende allen Seins darstellen, sondern immer auch als Anfang in einem ewigen Kreislauf des Lebens.
Distanziert, aber doch empathisch singt Schäfer diese Lieder. Und in ihrem magisch rätselhaften, elysisch reinen Sopran liegt sowohl Trotz als auch Trost.

Carsten Fastner in FALTER 6/2008



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