Spare Parts

Pomassl


Der Lärmstifter

Leere Kartons stapeln sich im Vorraum des Studios. Der metallische Duft frisch ausgepackten Elektronikequipments erfüllt die Luft, im Keller des Semperdepots herrscht emsige Vorfreude. Studenten eilen mit Schlagzeugteilen durch die Gänge, und eine junge Frau mit "Rauchverbot"-Aufklebern unterm Arm sucht nach passenden Stellen, um diese anzubringen. Der Einzige, der in diesem Trubel Ruhe zu bewahren scheint, ist Franz Pomassl. Zufrieden sitzt er hinter dem neuen, überdimensionalen Mischpult und genießt den Klang des beeindruckenden 3-D-Soundsystems. "Mit solcher Technik sind in Österreich sonst nur der ORF und der Rabitsch ausgestattet", sagt Pomassl zufrieden, lehnt sich zurück und schließt kurz die Augen. Verdient hat er sich diesen Moment, schließlich steht der Tag, auf den der Dozent und Leiter der Abteilung für Sound an der Akademie der bildenden Künste seit fünf Jahren hinarbeitet, kurz bevor: die Eröffnung des neuen Tonstudios.
Als der Mittdreißiger selbst an der Bildenden sein Studium bei Arnulf Rainer begann, wäre eine derartige Einrichtung noch unvorstellbar gewesen. "Anfang der Neunzigerjahre haben sich aber einige Studenten auf die Hinterbeine gestellt und vehement die Beschäftigung mit neuen Medien gefordert. Bis dahin gab's ja hier nur Malereiklassen, da musste endlich was Neues her." Pomassls Hauptinteresse galt schon damals der Musik, wenngleich Musik vielleicht ein zu schwammiger Begriff für sein Beschäftigungsfeld ist. "Avancierte akustische Forschung", nennt es Pomassl, hauptsächlich arbeitet er nämlich "an der Emanzipation von Frequenzbereichen, welche die abendländische Musiktradition vernachlässigt, das menschliche Ohr aber noch oder gerade nicht mehr wahrnehmen kann". Eine Frequenz um die sieben Hertz beispielsweise, die der Künstler bei Konzerten seinem dafür entworfenen Soundsystem entlockt, ist zwar nicht hörbar, kann aber zu Übelkeit oder dringendem Bedürfnis, die Toilette aufzusuchen führen. Wahrscheinlich sind es gerade derartige Geschichten, die dem stets schwarz gekleideten Herrn mit dem zerzausten Haar seine mysteriöse Aura verleihen. Die Elektronikszene nennt ihn anerkennend "Soundterrorist", und auch er selbst wird nicht müde, sein diabolisches Image zu pflegen, sei es als manisch durchs Publikum der TV-Sendung "Willkommen Österreich" jagender Lärmstifter oder als kulinarischer Asket, der sich über Jahre hinweg ausschließlich von flüssigem Astronautenfutter ernährte.
Hinterm DJ-Pult legt er gern mal die Nadel des Plattenspielers auf seine Zunge, als Produzent führt er die Journalistengilde vor. "Als mein Album ‚Skeleton' 1995 hohes Medienecho hervorrief, drängte mich meine Plattenfirma, bald eine weitere Veröffentlichung nachzuschießen. Als die Deadline bevorstand, ich aber noch kein Material dafür fertig hatte, beschloss ich die genau gleiche Platte mit anderen Tracktiteln und modifiziertem Cover einfach noch einmal herauszubringen, um zu schauen, was passiert. Unglaublich, aber kaum jemand hat's gemerkt. Ein Magazin meinte sogar, die erste Platte sei gut gewesen, diese neue aber nun der Oberhammer", erzählt der gebürtige Niederösterreicher und lässt einem teuflischen Lachen freien Lauf.
Doch Pomassl kann auch anders. So wie Drahdiwaberl-Frontmann Stefan Weber seine Bürgerschreck-Persona und den Lehrerberuf unter einen Hut bringt, wirkt auch Pomassl zumindest in seiner Rolle als Unidozent sehr pflichtbewusst und offen. Das neue Studio im Semperdepot soll demnach kein hermetischer Ort sein, der ausschließlich Studenten der Akademie offensteht, sondern als durchlässige Schnittstelle für die gesamte hiesige Szene bereitstehen. "Solange es sich um außergewöhnliche Projekte handelt, können Bands hier Demos aufnehmen, Künstler an Rauminstallationen arbeiten, Techno-DJs ihre Produktionen abmischen oder soundspezifische Lectures stattfinden", sagt er, lässt seine Finger dabei über die Regler des Mischpults gleiten und wirkt zumindest für diesen einen Moment wie ein ganz normaler, aber sehr euphorischer Lehrer.

Florian Obkircher in FALTER 5/2008



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