Made in the Dark

Hot Chip


Schulball in der Disco

Ich würde lieber gleich wieder ins Studio gehen als auf Tour", meint Felix Martin. Seine Band Hot Chip hat derzeit das, was man in Sport und Musik einen Lauf nennt und ungefähr so viele Remixanfragen abzuarbeiten wie Kruder & Dorfmeister in ihrer besten Zeit. Wie wichtig der Londoner Haufen ist, lässt sich daran ermessen, dass vergangenes Jahr das Management von Kraftwerk um Remixes angeklopft hat. "Wahrscheinlich unser größter Erfolg bislang", schwärmt Martin. "Es war surreal, mit echten Kraftwerk-Klängen herumzuspielen. Wir fühlen uns sehr privilegiert und geehrt."
Die fünf Engländer, die schon zusammen zur Schule gingen, sind keine Dancefloor-Berserker, sondern höfliche junge Männer, denen man bedenkenlos seine Töchter anvertrauen würde. Ihre bisherigen Alben "Coming On Strong" (2004) und "The Warning" (2006), dessen fluffiger Elektropopsoftrockfunk sie populär machte, hatten, wie Martin eingesteht, zwar "ein wenig testosteronschwangere Titel", allerdings nur als ironische Anspielung auf HipHop, den Hot Chip mittlerweile ambivalent bis doof finden, obwohl er – neben Prince und Aphex Twin – zum Soundtrack ihres Jugendzimmers gehörte.
Auch auf ihrem neuen Album "Made in the Dark" haben sie eine nette Referenz an die Welt der Pimps eingebaut: Die Grooveballade "Wrestlers" versteht sich vordergründig als Tribut an den Trademarksound des R-'n'-B-Schweinigels R. Kelly. Der zum Kopfnicken animierende Beat ist dem US-Original noch täuschend ähnlich, der Gesang dagegen keineswegs lüstern, sondern blauäugiger Soul voller Unsicherheit. "I've learned all I know from watching wrestling", seufzt Sänger Alexis Taylor. Fatalerweise kann er seiner Angebeteten seine Gefühle daher nur über Wrestling-Moves mitteilen, was in einer surrealen Aufzählung kulminiert: "Halfnelson, Fullnelson, Willie Nelson."
Irgendwann enden Hot Chip ja doch immer bei der eigenen Plattensammlung, aber sie tun es auf witzige und charmante Art. Es gibt zurzeit keine zweite Band, die auf eine derart sympathische Weise nerdig ist und ihre Einflüsse zu dermaßen überraschend originären Songs zusammensetzt. Für Hot Chip selbst ist das Stichwort "nerd" zwar ein Ärgernis ("Wir sind keine weltfremden, technikverliebten Elektroniker"), in ihrem Fall gebraucht es aber sogar die notorisch intelligenzfeindliche britische Musikpresse lobend und preist Hot Chip als "Fisher-Price-Funk", während das deutsche Musikmagazin Spex von einer "Band ganz neuer Art" schreibt.
Tatsächlich erreicht die Fusion aus Band und Studioprojekt, aus Instrumenten und Soundsoftware, wie sie im Pop immer häufiger zu finden ist, mit "Made in the Dark" eine neue Qualität. Bei Hot Chip muss nichts mehr zusammenwachsen und kein Widerspruch mehr aufgelöst werden, hier stimmt von Haus aus alles ganz genau. Und das ganz ohne die perfektionistisch-wissenschaftliche Herangehensweise, die von Vorvätern wie Kraftwerk praktiziert wurde. Es ist nicht zuletzt der spontane Schwung, der den elektronischen Doowop von "Ready for the Floor" oder das von einem Todd-Rundgren-Sample geprägte "Shake a Fist" auszeichnet: "Wir haben erstmals ein paar Songs zur Gänze live eingespielt und sie danach nur mehr fertig abgemischt." Es hört sich so an, als wären verrückte Mäuse durchs Studio getobt.
Dabei ist laut Felix Martin der Gipfel noch lange nicht erreicht – weder soundtechnisch noch im Songwriting: "Wir haben im letzten Jahr durch DJ-Gigs und Remixes viele neue Eindrücke gewonnen, die wir erst verarbeiten müssen. Und wir würden auch gern Songs für andere Künstler schreiben." Warum wurde denn aus der Kollaboration mit Kylie Minogue nichts? "Daran ist unser Manager Schuld, der das Gerücht gestreut hat. ,Ready for the Floor' hätte vielleicht zu ihr gepasst, aber den Song haben wir lieber selbst verwendet. Es wird schon irgendwann passieren. Wir schreiben immer neue Musik."
Und schon wieder etwas richtig gemacht. Kylie kann warten

Sebastian Fasthuber in FALTER 5/2008



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