The Complete on the Corner Sessions 1972 -...

Miles Davis


Wah-Wahnsinn

Als "On the Corner" im Herbst 1972 erschien, gehörte es zumindest für einige Zeit zu den bestgehassten Platten der Jazzgeschichte. "Ist es tatsächlich Magie oder bloß wiederholungsselige Langeweile?", fragte sich der Kritiker des meinungsführenden Jazzmagazins Downbeat, ätzte über "Tschunka-Tschunka-Rhythmen" und die "simplen Melodielinien, die alle ziemlich gleich klingen", und bewertete das Album mit zwei von fünf möglichen Sternen. Selbst Hörer, die "In a Silent Way" oder "Bitches Brew" als visionäre Werke erkannt hatten, waren vor
den Kopf gestoßen. Einem Fan, der beteuerte, Miles Davis nicht mehr folgen zu können, antwortete dieser: "Und was soll ich jetzt machen, muthafucka? Warten, bis du doch noch vorbeikommst?!"
Es ist leicht, es heute besser zu wissen, und nicht alles, was auf sechs CDs und in über sechs Stunden an Veröffentlichtem und Unveröffentlichtem auf "The Complete on the Corner Sessions" (Columbia/Sony) versammelt ist, darf gleichermaßen als genial gelten. Miles Davis und sein Produzent Teo Macero, der hier zum letzten Mal durch die damals im Jazz noch absolut unüblichen Manipulationen der Bänder (Loops et al.) die Ästhetik der entsprechenden Alben mitbestimmte, haben schon gewusst, was sie veröffentlichen.
Die meisten herausragenden Kompositionen, die 1972 bis1975 eingespielt wurden, versammelte wahrscheinlich das 1974 veröffentlichte Doppelalbum "Get Up with It": den irren, mit Mundharmonika und Bläsersection eingespielten "Red China Blues"; das in seiner frenetischen Stop-and-go-Dramaturgie in der Tat fast pornografische "Rated X"; das fluffige Feel-Good-Stück "Maiysha" und die erhabenen Halbstunden-Epen "Calypso Frelimo" und "He Loved Him Madly": dicht, drängend, dynamisch das eine; extraterrestrisch ereignislos und doch von überwältigender kühler Leidenschaftlichkeit das andere. Wozu immer auch der Rest der Welt den Hintern bewegte, Miles stöpselte das Wah-wah-Pedal an die Trompete und begab sich mit seinem blutjungen Bassisten Michael Henderson, einem Schüppel Gitarristen, elektrifizierter Sitar (!) und viel Perkussion auf die Reise zum Planeten Free Funk. Die Fahne, die er dort aufpflanzte, weht heute noch.

Klaus Nüchtern in FALTER 4/2008



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