Rest Now Weary Head You Will Get Well Soon

Get Well Soon


Rock over Stockhausen

Wie sehr dieser junge Mann für seine Musik brennt, das verrät dem geneigten Hörer bereits die "Garantie des Künstlers" auf dem Cover von "Rest Now, Weary Head! You Will Get Well Soon", dem allerorts hochgelobten Debütalbum von Konstantin Gropper: "I tried my very best to make this music loveable", versichert dort der musikalische Einzelkämpfer aus Oberschwaben. Das ungewöhnliche Zertifikat sei keineswegs Koketterie, erklärt Gropper: "Vielleicht wollte ich signalisieren, dass inzwischen eine gewisse Kompetenz vorhanden ist. Ich habe lang genug an dem Album rumgemacht. Es war wichtig, es jetzt endlich abzuliefern."
Abliefern, das bezeichnet in diesem Fall jedoch nicht bloß das schnöde "Veröffentlichen" einer Platte, die heute eh kaum noch wer kauft, weil die Zielgruppe sie nach den ersten euphorischen Besprechungen längst runtergeladen hat. Das englische Verb "release" trifft es da schon besser, denn es umfasst auch die Bedeutung "loslassen" oder "freisetzen". Und genau darum geht es Gropper: "Get Well Soon ist für mich ein Ventil für eine bestimmte Form von Emotionalität. Ich möchte etwas auslösen mit meiner Musik, Trost spenden. Der Albumtitel funktioniert für mich wie eine Beschwörungsformel."
Bei Gropper verbindet sich der Wille zum großen Gefühl mit der Liebe zum Popsong und einem soliden musikalischen Background. Der 25-Jährige verehrt Pierre Boulez und hat zwei Kompositionen des im Vorjahr verstorbenen Karlheinz Stockhausen zu dem Stück "Stockhausen's Dead" verarbeitet und ins Internet gestellt. Auch Struktur und Aufbau seiner eigenen Songs verraten, dass die Einflüsse deutlich über die gängige Rock- und Pop-Sozialisation hinausreichen. Wäre der Begriff Symphonic Rock nicht auf ewig mit grauenerregenden "Orchestra meets Deep Purple"-Verirrungen aus den Siebzigerjahren verbunden, er würde die Musik von Get Well Soon ganz gut auf den Punkt bringen.
Gropper ist als Lehrerkind in einem musikalischen Haushalt aufgewachsen: "Bildungsbürgerlich – aber ich meine das nicht negativ." Von klein auf gefördert durfte sich Gropper mit fünf Jahren ein Instrument aussuchen. "Freiwillig." Er wählte das Cello, auf dem er ebenso ausgebildet wurde wie am Schlagzeug und auf der Gitarre. So weit, so normal. Was in Groppers Lebenslauf völlig fehlt, ist die übliche Phase der Auflehnung gegen das elterliche Establishment. Zwar hat er mit 13, 14 auch begonnen, Popmusik und besonders Punk zu hören, aber doch nie aufgehört, daneben auch in Orchestern zu spielen.
So wie etwa auch Joanna Newsom oder Patrick Wolf steht Gropper paradigmatisch für eine neue Musikergeneration, die zwar im Pop zuhause ist, aber überhaupt keine Berührungsängste mit anderen Genres kennt – und die ihr Wissen und ihre Fähigkeiten auch nicht verschämt versteckt.

Für die Songs auf "Rest Now …" hat der inzwischen in Berlin lebende Absolvent der Popakademie Mannheim ("man bekommt dort einen Einblick in die Branche, die kreative Ausbildung hinkt hinterher") auf einen reichhaltigen Fundus an Inspirationen zurückgegriffen. Da finden sich etwa eine Coverversion von Underworlds Rave-Hymne "Born Slippy (Nuxx)" – "das ,Smells Like Teen Spirit' meiner Generation" –, ein Sample aus dem Soundtrack zum 1970er-Brutaltrashfilm "Hexen bis aufs Blut gequält", den der Schlagersänger Michael Holm geschrieben hat ("unglaublich absurd"), sowie Anleihen bei Bands und Künstlern wie Radiohead, Calexico, Arcade Fire, Naked Lunch, Nick Cave, Ennio Morricone oder Scott Walker.
Dennoch ist "Rest Now …" kein klingender Fleckerlteppich aus der Referenzhölle, sondern ein wunderschön gearbeitetes Album, das die genannten Einflüsse in zwölf Songs – plus "Prelude" und "Coda" – schlüssig zusammenführt. "Mir war wichtig, dass viele Kontraste drin sind, aber es sollte auch homogen klingen", beschreibt der Multiinstrumentalist die Aufgabenstellung an sich selbst. "Die Songs sind bis zu fünf Jahre alt, und ich habe mittlerweile eine genaue Idee davon, wie sie klingen sollen."
Kaum zu glauben, dass dieser opulente Klang im Homerecording-Verfahren in einem WG-Zimmer entstanden ist. Schicht für Schicht hat der erklärte Eigenbrötler und Perfektionist die Instrumente selbst eingespielt – mit Ausnahmen der Geigenparts und der Trompete, die von der Schwester und einem Cousin übernommen wurden. Was seine Leistung aber nicht schmälert, wie er auch selbst findet: "Dass die Platte so klingt, darauf bin ich schon ein wenig stolz."

Sebastian Fasthuber in FALTER 4/2008



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