Topos

Agustí Fernández, Evan Parker, Barry Guy, Paul Lytton


Forever Free

Warum gibt es keinen Neo-Freejazz? Weil Freejazz eben nicht einfach ein historischer Stil ist, der sich zwischen Hard-Bop und Jazzrock ereignet hat, sondern weil er, wie der Kritiker Bert Noglik schreibt, "als schöpferische Methode des Musizierens überlebt hat". Mittlerweile verfügt er über eine eigene Geschichte, Mythologie und Systematik. Im Mai 1968 etwa wurde in Bremen ein Meilen-, wenn nicht gar der Grundstein des europäischen Free Jazz gelegt und zwar in einem Betonkeller mit entsprechender Akustik (für die beiden Drummer des Peter Brötzmann Octet baute man kleine Hütten aus Leinwand). "The Complete Machine Gun Sessions" (Atavistic/Trost) macht die lange Zeit vergriffenen Originalaufnahmen wieder zugänglich und ergänzt sie um Live-Mitschnitt und Alternate Takes. Die Aufnahmen, die nicht unwesentlich für Brötzmanns Ruf als martialischer deutscher Pickelhaubentröter verantwortlich sind, weisen nicht nur in Richtung eines lebensfreudig wütenden Berserkerturms, sondern umfassen auch zarte oder in Richtung Ayler'scher Popularmusikanleihen bzw. Tanzbarkeit à la Archie Shepp gehende Momente.Wie weit und breit sich allein schon der europäische Free Jazz entwickelt hat, kann man auf "Topos" (Maya/Intakt) nachhören, wo Agustí Fernández, Evan Parker, Barry Guy und Paul Lytton denkbar weit entfernt sind vom Pathos freier Improvisation als Ausdruck individuellen Stils und kollektiven Willens zur Veränderung. Stattdessen: gemeinsames Tüfteln an filigranen und flüchtigen Strukturen, Kontemplation im Klanglabor, wo ein Schlagzeug klingt wie ein Mitschnitt aus dem Hobbykeller eines introvertierten Heimwerkers.Saxofonist Evan Parker gehört mit Pianist Alexander von Schlippenbach und Drummer Paul Lovens auch zum Nucleus des Globe Unity Orchestra, das nun mit teilverjüngter Mannschaft auf "Globe Unity – 40 Years" (Intakt) vor allem Kompositionen aus den 70ern neu eingespielt hat und damit die musikalische Bandbreite der 15-köpfigen Bigband zwischen Kenny Wheelers Romantizismus ("Nodago"), Steve Lacys mathematischem Swing ("The Dumps") und der launigen Deftigkeit von Schlippenbachs "Bavarian Calypso" eindrucksvoll vor Ohren führt.

Klaus Nüchtern in FALTER 51-52/2007



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