Lost Highway

Kalitzke/Klangforum Wien/+, Olga Neuwirth


Hörtheater

Allzu oft gibt es zeitgenössische Opern in Wien nicht zu sehen. Umso eifriger sind einige – nicht zuletzt österreichische – Labels dabei, mit dem ungebrochenen Schaffensdrang der Komponisten Schritt zu halten und zumindest die wichtigsten internationalen Produktionen auf CD zu veröffentlichen. Auch wenn das Plattenformat nicht nur den Verzicht aufs Szenische bedeutet, sondern ebenso die Verflachung des lebendigen Klangs im Theater.
Die technisch bestmögliche Lösung des Raumklangproblems bieten seit einiger Zeit die Spezialisten von Kairos (Vertrieb: Harmonia Mundi), die auf Hybrid-CDs sowohl Stereo- als auch 5.1.-Surroundklangfassungen brennen. In dieser Form ist nun auch "Lost Highway" erschienen, die musiktheatralische Bearbeitung des gleichnamigen Films von David Lynch durch Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek. Die Komponistin selbst hält – nicht zu Unrecht – dieses Stück für eines ihrer besten und hat sich deswegen die mühevolle Studioarbeit angetan, die dreidimensionalen Klangprojektionen der szenischen Produktion (2003 in Graz) auf die verschiedenen Kanäle zu verteilen.
Die Stereofassung betrachtet sie als Zugeständnis und vergleicht sie damit, "Claude Monets Seerosen in Schwarzweiß ansehen zu müssen". Das mag schon sein – aber auch ein Monet ist in Schwarzweiß immer noch besser als gar nicht. Selbst aus nur zwei Lautsprechern wird doch immerhin deutlich, wie virtuos und packend Neuwirth mit großem Ensemble (Klangforum Wien, Johannes Kalitzke) und sechs Instrumentalsolisten (Akkordeon, E-Gitarre, Keyboard, Klarinette, Posaune, Saxofon) atmosphärische Beklemmung schafft. Die Spannung lässt jedenfalls nicht nach.Mit der Stereofassung allein kommt eine andere Zusammenarbeit Neuwirths und Jelineks wohl besser zurecht, das auf col legno (Lotus) erschienene Hörstück "Der Tod und das Mädchen II – Für alle Ewigkeiten Küssenmüssen". Die Tonbandkomposition zu einer Dornröschen-Erzählung entstand 2000 zwar auch für einen szenischen Anlass, amalgamiert aber Sprache und Musik zu einem Klangraum – und funktioniert deshalb auch auf CD bestens als echtes Hörtheater.

Carsten Fastner in FALTER 50/2007



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