Typewriter

4 Experimentelle Die Nur 2 Sind (4EX2)


Singender Kürbis

Im südweststeirischen Wies gibt es eine Kulturinitiative namens Kürbis, die neben der Veranstaltungsarbeit in den Bereichen Literatur, Theater und Musik auch den Verlag Edition Kürbis und das Label Pumpkin Records (Vertrieb: Trost) betreibt. Inhaltlich propagieren die Kürbis-Leute einen Crossover aus der Verbundenheit zu regionaler Tradition und der Offenheit gegenüber Experimentellem und Neuem, und diese Programmatik prägt auch die Arbeit der Tonträgersektion. Lag das Hauptaugenmerk früher vor allem auf bewusst schräg angelegten Themen-Samplern, so ist das mit den Katalognummern 23 bis 25 versehene Herbstprogramm durchwegs interessanten Künstleralben gewidmet.
Bell Etage kredenzen auf "We Carried the Sunlight Down to the Day" eine lässige Form englischsprachigen Alternative-Rocks, der abgeklärt-erwachsene Passagen mit Momenten des Auf- und Ausbruchs eint und durch ein glücklicherweise nie gimmickhaft eingesetztes Cello Bonuspunkte in Sachen klanglicher Eigenständigkeit sammelt. Die Vorbilder dieser Musik sitzen in Amerika, alte R.E.M.-Platten sind Bell Etage gewiss weit wichtiger als der neueste britische MySpace-Hype, und ganz falsch ist das natürlich nicht.Das zwischen deutsch- und englischsprachigem Gesang pendelnde Quintett Hotel Prestige wartet auf "Take a Souvenir from Your Teenage Confusion" ebenfalls mit rockuntypischen Instrumenten auf. Der erste Song, "Wie ich die Winterdepression überwunden habe", ist von einer Ziehharmonika geprägt, das knapp siebenminütige Epos "Water" überrascht mittendrin durch tränenerstickte mexikanische Bläserklänge, und Banjo und Laptopbeats müssen bei diesem herzlichen Folkpopentwurf auch kein Gegensatzpaar sein.4 Experimentelle Die Nur 2 Sind (kurz: 4EX2) um den Sänger und Gitarristen David Lipp sind tatsächlich zu sechst, haben u.a. Reeds und Violine an Board und spielen auf "Typewriter" teils New-Wave-angehauchten Avantgardepop mit deutschen Texten zwischen Dada und Poesie. Die Zugänglichkeit behält gegenüber der Nervensäge letztlich klar die Oberhand, an der bereits auf den Vorgängeralben kultivierten künstlerischen Eigensinnigkeit ändert das aber nichts.

Gerhard Stöger in FALTER 49/2007



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