X

Kylie Minogue


X und Pop

Your Disco Needs You." Was als Kylie-Song aus dem Jahr 2000 wie eine überkandidelte Village-People-Persiflage klang, ist inzwischen zu einem geflügelten Wort für die Karriere der australischen Sängerin geworden: Wo immer du hingehst, liebe Kylie, vergiss deine alte Tante Disco bitte nicht. Das Abhängigkeitsverhältnis besteht freilich in beide Richtungen. Die an zeitgenössischen Diven arme Disco lechzt nach einer glamourösen Erscheinung wie Kylie, umgekehrt wäre aber auch deren Laufbahn ohne die Dancefloors in aller Welt längst schon im Sande verlaufen.
Von den jugendlichen Stock-Aitken-Waterman-Anfängen mit "I Should Be So Lucky" bis zu ihrem größten Hit "Can't Get You Out of My Head" war Kylie Minogue stets ein Discophänomen. Immer dann, wenn sie versuchte, etwas anderes zu machen – Britpop, Soulpop oder zuletzt, auf dem Album "Body Language" (2003), R'n'B –, wurde das in der Basisdemokratie Pop von den Konsumenten mit schleppenden CD-Verkäufen bestraft. Im Gegensatz zu ihrer unerreichbaren großen Schwester Madonna durfte sich Kylie nie neu erfinden, sondern ist seit zwanzig Jahren auf eine Rolle festgelegt.
Es war klar, dass sie nach ihrer gut ausgeheilten Brustkrebserkrankung wieder dem Lockruf der Tanzpaläste folgen würde. Schön, dass es solche Beständigkeit heute noch gibt, könnte man sagen. "X" ist aber leider kein glitzerndes "Fever 2" geworden. Es klingt vielmehr wie der Soundtrack zu einer Party, die nicht in Gang kommen will und deren Gastgeberin sich verzweifelt bemüht, es mit der Musikauswahl allen Gästen recht zu machen. Mit dem Resultat, dass keiner damit glücklich wird. Vielleicht ein Sinnbild dafür, woran Popmusik heute krankt.

Z wei, drei Ausnahmen lassen wir gelten. X ist nicht schlecht. Aber es ist – abgesehen von den Ausnahmen, die sich auf dem nächsten "Best of"-Album finden werden – auch nicht gut. Auf dem Weg von der Idee zum Mix haben die Songs, was sie ursprünglich an Emotion, Vitalität und Seele besessen haben mögen, verloren. Ein Stück wie "Speakerphone" klingt steriler als jedes Krankenhaus, und Kylies charmantes Stimmchen ist vor lauter Vocodern kaum auszumachen. Leute, möchte man den verantwortlichen Produzenten zurufen, ihr arbeitet hier nicht für Britney Spears!
Im Vorfeld war von Kollaborationen mit den famosen Neo-Elektropoppern Hot Chip die Rede und von Sessions mit dem Techno-Pimp Tiga. Man hätte sich ebenso eine Zusammenarbeit mit James Murphy alias LCD Soundsystem gewünscht oder einen Remix der französischen Discorabauken Justice. Nichts davon ist auf "X" zu hören, stattdessen geben Songschreib- und Produzententeams, die sich auf Reißbrettmusik verstehen und zum x-ten Mal dieselben paar Töne von Serge Gainsbourg sampeln, den Ton an. Nicht einmal das angekündigte Roxy-Music-Cover "Love Is the Drug" hat seinen Weg auf Kylies zehntes Album gefunden.
Dann wären da noch die Texte: "Boy, you got it, got it, you got me feeling crazy about my body / I cannot, cannot stop it, you got me moving, got me rocking". Man hätte erwartet, dass die Sängerin in irgendeiner Form auf die Ereignisse eingehen würde, die ihr Leben in den vergangenen Jahren überschatteten. Doch nichts weist darauf hin, die Party muss weitergehen: "Drop your socks and grab your mini boom-box". Eskapismus gut und schön, aber ein Hauch mehr Würde auf dem Dancefloor hätte Kylies Comeback nicht geschadet. Der Disco und der Popmusik allgemein übrigens auch nicht.

Sebastian Fasthuber in FALTER 48/2007



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