Pyramides

Trouble over Tokyo


Nackt mit Gitarre

Nein, mehr als ein paar Worte Deutsch bringe er leider noch nicht heraus, entschuldigt sich Christopher Taylor alias Trouble Over Tokyo zu Beginn des Falter-Interviews. Der Engländer hat in den letzten Monaten viel Zeit in Österreich verbracht. Schließlich steht er bei dem kleinen heimischen Label Schoenwetter Schallplatten, der Heimat von Bands wie Ja, Panik oder Garish, unter Vertrag. Eine absurde Situation, hört sich sein Debütalbum "Pyramides" mit seinen bittersüßen Popsongs doch stark nach einem internationalen Hit an. Man stelle sich Radioheads Thom Yorke oder Rufus Wainwright zusammen mit den Produzenten von Michael Jackson oder Justin Timberlake in einem Studio vor. Das Resultat könnte so ähnlich klingen wie die Tokyo-Songs "My Anxiety", "Save Us" oder "No Handed (Part III)".
"Im Herzen bin ich zwar ein melancholischer Singer-Songwriter", sagt Taylor, "aber ein Singer-Songwriter muss kein Typ sein, der mit der Gitarre in der Hand seiner Exfreundin hinterherweint. Man kann Joni Mitchell und gleichzeitig auch Michael Jackson mögen."
Dass er mit seinen Ohrwürmern nicht der jüngste Hype eines weltumspannenden Musikkonzerns ist, sondern bei einem unter Mattersburger Postadresse firmierenden Kleinbetrieb veröffentlicht, sei, wie er gesteht, im Prinzip sein Fehler – nicht ohne hinzuzufügen, dass es aber so ohnehin besser sei.
Seit seinem 16. Lebensjahr hat Taylor mit wechselnden Bands immer wieder versucht, den großen Durchbruch zu schaffen. Vergeblich: "Die letzte Band hieß auch schon Trouble Over Tokyo. Zu dieser Zeit war ich aber noch darum bemüht, die Labels zufriedenzustellen und den Vorgaben von A&R-Typen zu folgen. Bloß die Songs, die ich schrieb, mochte ich nicht mehr." Über "Pyramides" hat er zwar noch mit mehreren Majorlabels Gespräche geführt, die hätten ihn jedoch nur in seiner Entscheidung fürs Einzelkämpfertum bestärkt: "Diese Leute sagen dir, dass sie deine Musik, das Artwork, das ganze Konzept lieben. Und im nächsten Satz sagen sie: Das und das und das muss geändert werden." Eigenartig verlief dann auch die von einer Plattenfirma eingefädelte Begegnung mit Mark Brydon, einst musikalischer Kopf des erfolgreichen britischen Duos Moloko: "Er mochte genau zwei meiner Songs, nämlich die ohne Elektronik. Wenn der Produzent zwei von zehn Songs mag: Was soll das für eine Zusammenarbeit werden?"
Die Kollaboration mit Schoenwetter-Boss Hannes Tschürtz und im sozialen Netzwerk, das Taylor inzwischen im Umfeld des Labels geknüpft hat, basiert dagegen auf Vertrauen und Ehrlichkeit. Zustande gekommen war der Kontakt, nachdem ein Grazer einen Auftritt Taylors im Rahmen eines Open-Mic-Abends in London gesehen hatte. Ein paar Wochen später folgte die Einladung nach Österreich. Inzwischen ist Taylor dank Ryan Air ein häufiger Gast hier und genießt es, mit Freunden zu arbeiten. Zwar lebe er, nachdem er sämtliche Jobs in Büros und als Gesangslehrer gekündigt hat, zur Zeit "von Kreditkarten und auf Pump, aber zumindest weiß ich ganz genau, warum und wofür ich arbeite".
Spricht er über seine Musik, verwendet Taylor öfters Worte wie "Selbstentblößung" und behauptet, dass er sich "nackt" fühle, sobald nach einem Konzert das Licht angehe. In seinen Songs, die im Falsett der Überzeugung geschmettert werden, kehrt er sein Innerstes nach Außen. Die Arbeit an "Pyramides" hat er als eine Befreiung empfunden: "Zum ersten Mal war mir komplett egal, was andere über meine Musik denken. Ich habe zum Beispiel noch nie zuvor ,yeah' gesungen, das wäre mir komisch vorgekommen. Jahrelang habe ich mich an Radiohead orientiert, doch langsam kamen die Michael-Jackson-Einflüsse aus meiner Kindheit wieder zum Tragen. Und plötzlich schrieb ich richtige Popsongs."

Weil es sich um tolle Popsongs handelt, müssen sie nun raus in die Welt. Schoenwetter bastelt gerade an einem Vertriebsdeal, der Anfang nächsten Jahres zu einer weltweiten Veröffentlichung des Albums führen soll. Inzwischen spielt Taylor weiterhin fleißig Solokonzerte in Österreich und denkt über eine Übersiedlung nach. "Ich würde sofort für ein halbes Jahr hierherziehen. Es gibt zuhause aber auch eine Mrs. Taylor, die noch etwas skeptisch ist. Im Moment haben alle Leute den Auftrag, bei ihr Werbung für Österreich zu machen." Na dann: Es ist ein schönes Land. Und gegen derart hochspezialisierte Gastarbeiter kann eigentlich keine Einwanderungsbehörde etwas haben

Sebastian Fasthuber in FALTER 47/2007



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