Schubert Epilog

Nott/Bamberger SO, Berio/Reimann/Henze/Zender


Spannendes Debüt

Allzu häufig kommt es nicht vor, dass die Wiener Philharmoniker halbwegs aktuelle Musik spielen. Bei Wien Modern ist es demnächst wieder so weit, da sind sie mit zwei Klassikern des späten 20. Jahrhunderts von Witold Lutoslawski ("Konzert für Orchester", 1954) und Luciano Berio (die großartige 68er-Reaktion "Sinfonia") zu hören – und mit dem Cellokonzert (2003) des diesjährigen Festival-Hauptkomponisten Georg Friedrich Haas.
Haas arbeitet darin, wie zumeist, mit Mikrointervallen und Obertonspektren. Diese ausgesprochen klangsinnliche Technik gehört kaum zu den Kernkompetenzen des Luxusorchesters, obwohl es mit seiner ausgeprägten Klangkultur dafür prädestiniert wäre. Umso mehr Erfahrung mit der Mikrotonalität hat der Dirigent Jonathan Nott, ein ausgewiesener Experte für zeitgenössische Musik.
Auch darüber hinaus dürfte das philharmonische Debüt des 45-jährigen Briten spannend werden. Nott ist eine der raren wahren Integrationsfiguren der noch immer unsinnig klar getrennten Welten von Klassik und Neuer Musik. Als Chef der Bamberger Symphoniker gelang ihm seit 2000 eine künstlerische Neupositionierung des 1945 aus Prag vertriebenen Orchesters, die dessen böhmische Klangtradition ebenso respektiert und nutzt, wie es sie um zeitgenössisch analytische Transparenz bereichert.
Beim Schweizer Label Tudor (Vertrieb: Gramola) sind diese Erfolge bestens dokumentiert. Paradigmatisch dafür steht der Zyklus aller Schubert-Sinfonien, den Nott parallel um zeitgenössische Auseinandersetzungen mit Schuberts Musik ergänzte ("Schubert-Epilog", "Schubert-Dialog"). Mit einer
texttreuen und doch
wie neu betrachteten "Großen C-Dur" wurde die Serie nun zum rundum überzeugenden Integral vervollständigt.
Großartig auch die Einspielung von Igor Strawinskys "Le sacre du printemps", die Kraft und Kontrolle idealtypisch vereint. Und vollends mitreißend wird es, wenn sich die Bamberger und Nott mit Leosˇ Janácˇeks "Sinfonietta" und "Taras Bulba" zwei tschechischen Klassikern der Moderne widmen.

Carsten Fastner in FALTER 47/2007



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