Digital Ist Besser (Deluxe Edition)

Tocotronic


Rock! O! Tronic!

Dass eine Rockband knapp eineinhalb Jahrzehnte nach dem ersten Proberaumbesuch in der Form ihres Lebens spielt, kommt eher selten vor. Bei Tocotronic ist genau dieses Phänomen gerade zu beobachten. Mit "Kapitulation" haben sie die zentrale Gitarrenplatte des laufenden Jahrgangs aufgenommen, und die Tour zum Album zeigte die Hamburger so gelöst, spielfreudig und konzentriert wie schon lange nicht mehr. Wie weit draußen das Quartett um den Songwriter Dirk von Lowtzow inzwischen agiert, demonstrierte alleine die letzte Zugabe der aktuellen Konzerte: Der Hasslied-Klassiker "Freiburg", der 1995 ihr Debüt eröffnete, artet zur Free-Rock-Orgie samt Schlagzeugzerlegung, Feedbackmassaker und einem entrückt den Jazzgott Albert Ayler zitierenden Sänger aus: "Music" brüllt er, "is the healing force of the universe". Ein Livemitschnitt dieses formidablen Irrsinns ist jetzt auch auf CD zu haben, die 2007er-Version von "Freiburg" beschließt den Bonusblock der Wiederveröffentlichung des Toco-Debüts "Digital ist besser".
Nachdem ihr langjähriges Plattenlabel L'Age D'or pleite ging, haben sie die bandeigenen Rock-o-Tronic Records (Hoanzl) wiederbelebt, um nach und nach alle Alben wieder herauszubringen – versehen mit ausgiebigen Linernotes und historischen Texten und erweitert um Raritäten und Livefundstücke. Neben "Freiburg" enthält das unvermindert entwaffnende LoFi-Sloganpunk-Debüt jetzt unter anderem noch die einst mit dem Kassettenrecorder im Proberaum aufgenommene erste Vinylsingle der Band.
Das ebenfalls 2005 veröffentlichte Minialbum "Nach der verlorenen Zeit" hat die Zeit nicht ganz so gut überdauert, der Bonus aber ist mit 13 rumpeligen Liveaufnahmen aus Heinz Karmers Tanzcafé, dem damaligen Wohnzimmer der Hamburger Musikszene, ein echtes Fangeschenk. Das Highlight darunter bildet das schon leicht illuminiert tönende und gegen ein viel zu unaufmerksames Silvesterpartypublikum antretende Cover von Udo Lindenbergs "Alkoholmädchen".
"Tocotronic" schließlich, das auch als "Weißes Album" bekannte 2002er-Mammutwerk, legt nur Superpitchers Minimal-Techno-Remix von "Hi Freaks" mit drauf, mehr Platz war auf der CD nicht übrig.

Gerhard Stöger in FALTER 46/2007



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