Goodnight Vienna

Neigungsgruppe Sex, Gewalt und Gute Laune


Gfickt für immer

Das Ganze hätte auch halblustig bis ganz daneben enden können: Eine Band, die aus vier professionellen Musikfreaks besteht, überträgt ausgewählte Klassiker des alternativen Liedguts ins Wienerische – und verwendet neben der akustischen Gitarre vor allem noch Ziehharmonika und Alleinunterhalterorgel zur Instrumentierung. Dazu packen sie Eigenkompositionen, die sich formal nicht etwa an der störrischen Stromgitarre oder der avancierten Elektronik orientieren, sondern am Austropop der Siebzigerjahre.
Hinter der ursprünglich für eine gemeinsame Lesereise zusammengewürfelten "Neigungsgruppe Sex, Gewalt und Gute Laune" – der Name dieser etwas anderen Boygroup wurde einer vom deutschen Trashfilmer Jörg Buttgereit herausgegebenen Videoreihe entlehnt – verbergen sich Fritz Ostermayer, Christian Fuchs, Robert Zikmund und David Pfister. Alle vier arbeiten irgendwie immer schon beim Radiosender FM4, repräsentieren aber drei unterschiedliche Generationen: Ostermayer ist Anfang fünfzig, Zikmund und Pfister sind Ende zwanzig, Fuchs liegt irgendwo dazwischen.
Halblustig ist ihr vom Wiener Kleinlabel Trost in Kooperation mit der deutschen Independent-Firma Trikont veröffentlichtes Debütalbum "Goodnight Vienna" kein bisschen, ganz daneben erst recht nicht. Vielmehr wird das lokale Idiom hier in einer Unmittelbarkeit als Popsprache genutzt, wie das so seit der Hochblüte des Austropop in den Siebzigerjahren nicht mehr der Fall war. Coverversionen und Eigenkompositionen stehen gleichberechtigt und gleichwertig nebeneinander; sie kommen durchwegs ohne das alte Übel der ironischen Brechung aus, bleiben bei aller emotionalen Intensität aber auch gänzlich kitschfrei. "Mir würde es extrem taugen, wenn der Ostbahn-Kurti die CD gut fände", sagt Fritz Ostermayer – und meint das kein bisschen lustig.
Das im Original von Conor Oberst alias Bright Eyes schon atemberaubende Jungmenschendrama "Lua" wird in "Luada", einem Schlüsselstück auf "Goodnight Vienna", an den Praterstern verlegt, Pete Dohertys Scheißdrauf-Hymne "Fuck Forever" mutiert zum beherzten "Gfickt für immer" und das durch Johnny Cash unsterblich gemachte "Hurt" löst auch als "Verletzt" sofortige Gänsehautattacken aus. Wenn Ostermayer "Shivers" von Nick Caves erster Band Boys Next Door schließlich zum Trennungsdrama "So koit" umformuliert, vergisst man schnell, dass dieser Typ in seinem Hang zu lautstarkem Dilettantismus bisweilen auch schon übers Ziel geschossen hat. Ostermayer singt hier nicht einfach, er reißt sich das gebrochene Herz aus der Brust und hält es dem Hörer mit zittrigen Händen hin.
"Das ist tatsächlich hart an der Grenze zur Otto Mühl'schen Selbstentäußerung, mit Pop hat es nichts mehr zu tun", bestätigt Ostermayer, der sich im Unterschied zu seinem früheren Bandprojekt Der Scheitel diesmal nicht als ideologischer Diktator geriert. Während einer monströsen existenziellen Krise sei das Lied an einem einsamen Abend förmlich aus ihm herausgebrochen: "Ich habe das in zwanzig Minuten geschrieben, anschließend in einem Take gesungen – und mich dann vor meiner eigenen Stimme erschreckt." Den zweiten Kloß-im-Hals-Moment der Platte liefert Robert Zikmunds leichtfüßige Selbstmörderballade "Vü zu vü", die im Text explizit auf den von Georg Danzer geschriebenen und von Wolfgang Ambros kongenial interpretierten Suizidklassiker "Heite drah i mi ham" verweist. "Ich würde das nie meinen Eltern vorspielen, denn was ich da singe, ist eins zu eins echt", sagt Zikmund. "Einerseits denke ich mir: Bist du deppert, was ist denn das jetzt? Wenn das wer hört! Andererseits geht es aber um genau diese Unmittelbarkeit. Vielleicht ist das manchmal peinlich, aber man darf vor der Peinlichkeit keine Angst haben!"
Die euphorischen Reaktionen, die seine Lieder hervorrufen, wundern Zikmund ein bisschen. "Ich bin doch nur ein Würschtel, das eine Nummer von Bright Eyes covert." Wenige Sätze später verkehrt sich dieses Understatement freilich ins Gegenteil, wenn er meint, dass es Qualtinger in den Sechzigern einerseits peinlich, andererseits wohl auch egal gewesen wäre, unter lauter Unverständigen im Wirtshaus zu sitzen
Den großen Wiener Schauspieler, Autor und Austropop-Pionier stilisieren die zwei jungen Mitglieder der Neigungsgruppe zu einer Art Jesusfigur: "Ich glaube an Helmut Qualtinger", bekennt Zikmund. In den Staub werfen sie sich vorm dicken Heiland aber keineswegs. "Ich sehe totale Parallelen zwischen Qualtinger, Nick Cave und dem, woran wir jetzt wieder schnuppern", sagt David Pfister. "Dass man vermeintliche Folklore ziemlich hart singt." Ästhetisch landet das Quartett damit punktgenau zwischen den Stühlen. Für regelmäßigen FM4-Einsatz passt die sogenannte Klangfarbe von "Goodnight Vienna" nicht, Regionalradiomacher werden an den expliziten Texten verzweifeln. "Ich hoffe, dass die CD wenigstens in Ansätzen ein anderes Publikum erreichen könnte", ist Pfister im Konjunktiv optimistisch. "Es würde mich sehr befriedigen, wenn sie abseits vom FM4-Kind wahrgenommen würde."

Inwiefern die Konstellation dieser vier grundverschiedenen Typen ein tragfähiges Bandmodell abgibt, ist vorerst noch unklar. In der Neigungsgruppe Sex, Gewalt und Gute Laune treffen unterschiedliche Leidenschaften und Talente aufeinander; genau aus dieser Reibung bezieht sie aber auch ihren speziellen Reiz. Das Songwriterduo Pfister/Zikmund will in Zukunft vor allem neues eigenes Material einbringen, Ostermayer/Fuchs schwebt eher vor, internationale Neuveröffentlichungen als mobile Eingreiftruppe möglichst schnell ins Wienerische zu übertragen. Und während die zwei Jungen auf eine Rückkehr zur Singer/ Songwriter-Authentizität setzen, freut sich Christian Fuchs, in seinen Übersetzungen mit Figuren spielen zu können, die eben gerade nicht seiner Persönlichkeit entsprechen. "Für mich ist das Formale ein Schlüsselelement an Musik", sagt er. "Wenn sich jemand aufschneidet und auf der Straße stirbt, das Ganze aber keinen guten Beat hat, so ist das einfach nur ein Sozialfall, der mich nicht interessiert."
Dass sich Fuchs und Ostermayer im Gespräch als Fans von Ulrich Seidl outen, verwundert kaum: Dem Filmemacher durchaus nicht unähnlich lebt auch die Neigungsgruppe Sex, Gewalt und Gute Laune vom Wechselspiel zwischen Existenzialismus und Humor. "Für mich ist Gitarrespielen und Weinen sehr wichtig", sagt Robert Zikmund am Ende des Interviews. Bereits sein nächster Satz löst das Pathos aber wieder in allgemeinem Gelächter auf. "Damit möchte ich gerne weitermachen", sagt er trocken. "Und ich bin mir sicher, dass wir den Austropop auch künftig mitgestalten werden."

Gerhard Stöger in FALTER 46/2007



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